Techniker Aufruf gegen Kernenergie


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Posted by Karl-Heinz Remmers, solarpraxis.de on October 23, 1999 at 00:32:51:

Liebe Solarfreunde,

Um in der Diskussion um die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke
endlich von Seiten deutscher Fachingenieure (Bau, Maschbau,
Energietechnik, Verfahrenstechnik, Elektrotechnik), Physiker, Chemiker,
Informatiker ein klares, für den Laien verständliches Statement abzugeben,
werden auf diesem Weg mind. 1500 Unterschriften gesammelt. > >Der Aufruf
wird dann den Ministern Trittin und Müller übergeben und an alle deutschen
Printmedien übermittelt. > >Es ist Zeit in der Öffentlichkeit aus
fachlicher Sicht ein Signal gegen die allgemeine Stimmungsmache der
Atomlobby zu setzen. Auf diesem Weg ist dies möglich. >

Bitte lesen Sie den Aufruf in Ruhe durch und senden Sie ihre Unterschrift
mit vollständiger Adressen und akademischen Grad an

SOLARPRAXIS
Torstr. 177
10115 Berlin

Fax 030- 28387540

email: remmers@solarpraxis.de


Jeder ist zudem aufgerufen, den Aufruf weiter zu verteilen.

Alles Gute

Karl- Heinz Remmers


Es folgt der Brief:

Berlin, im Oktober 1999

Unmittelbare Umsetzung des Ausstiegs aus der Nutzung der Kernenergie


Sehr geehrter Herr Trittin, sehr geehrter Herr Müller,

mit diesem Schreiben fordern Sie ..... Ingenieure, Chemiker, Physiker und
Informatiker auf, den Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie umgehend
umzusetzen.


Der risikolose Betrieb von Kernenergieanlagen ist unmöglich
Jeder Betrieb einer technischen Anlage beinhaltet das Risiko einer
gravierenden Fehlfunktion: Der Störfall eines Atomkraftwerkes ist
entsprechend nicht an der Frage bemessen ob dieser eintritt, sondern wann.
Nur im Falle vieler glücklich zusammentreffender Ereignisse liegt dieser
Zeitpunkt nach der Abschaltung. In der Sicherheitstechnik wird das Risiko
eines Störfalls berechnet. Die errechnete Wahrscheinlichkeit eines
gravierenden Störfalls wird mit Szenarien zur Beschreibung des zu
erwartenden Schadensausmaßes multipliziert. Das Ausmaß eines atomaren
Störfalls erstreckt sich nicht nur auf den Tod unzähliger Menschen,
wesentlich gravierender sind die langfristige Verstrahlung weiter
Landesteile und der daraus resultierende Stillstand des Staats- und
Wirtschaftsgebildes über einen nicht definierbar langen Zeitraum. Selbst
eine ständige Verbesserung der Sicherheitstechnik kann aufgrund der vielen
verketteten Prozesse und der mit ihnen immer verbundenen
Fehlerwahrscheinlichkeit niemals zu einem Nullrisiko führen. Dies belegen
täglich Schäden in technischen Bauteilen und menschliche Fehler in allen
Bereichen der Technik. Der dauernde Hinweis auf die Unmöglichkeit
einzelner Fehler in deutschen Kernkraftwerken, welche in anderen Ländern
zu verheerenden Unfällen geführt haben, verhindert nicht den Eintritt von
Störfällen in Deutschland, da aufgrund der Komplexität eines technischen
Betriebes die Ingangsetzung anderer Fehlerketten nicht ausgeschlossen
werden kann.

Bei der sofortigen Abschaltung aller deutschen Kernkraftwerke bleibt die
Stromversorgung gesichert Die Kernenergie trug 1996 mit 12% zur
Bereitstellung des Primärenergiebedarfs Deutschlands bei. Ihr Anteil an
der Stromproduktion beträgt ca. 33%. Im deutschen sowie dem europäischen
Stromverbundnetz sind bereits heute entsprechende Reserven bzw.
Überkapazitäten vorhanden um alle deutschen Kernkraftwerke umgehend
abzuschalten. Innerhalb weniger Jahre können im Kontext mit der
Abschaltung zusätzlich erhebliche Energieeinsparungen realisiert werden.
Gemeinsam mit der Nutzung regenerativer Energien entsteht so innerhalb
Deutschlands eine neue Verteilung bei der Energieversorgung. Dies erhöht
die Unabhängigkeit und die Sicherheit der Bevölkerung der Bundesrepublik
Deutschland.


Die Nutzung der Kernenergie ist mit CO2 Emissionen verbunden
Das Argument einer CO2 Reduktion durch den Weiterbetrieb von
Kernkraftwerken wird vor dem Hintergrund von Überkapazitäten und immensen
Substitutionspotentialen haltlos. Der Betrieb eines jeden Kernkraftwerkes
führt schon alleine in den vor- und nachgeschalteten Prozeßketten zu CO2
Emissionen. Es kann keinesfalls als umweltfreundlich bezeichnet werden,
wenn so auch weiterhin CO2 Emissionen mit erheblichen Risiken verursacht
werden.

Die deutsche Wirtschaft wird durch die Nutzung der Kernenergie gefährdet
Ein gravierender Störfall in einem deutschen Kernkraftwerk würde das Land
auf unbestimmte Zeit verstrahlen und somit lahmlegen. Das zieht auch die
Vernichtung eines großen wirtschaftlichen Potentials nach sich; die
Arbeitslosenquote würde allenfalls wegen der vielen Toten nicht steigen.
Billigt man den Betreibern eine Restlaufzeit zu, so dient diese nur für
die Erhöhung der Rendite des eingesetzten Kapitals. Da alle Atomkraftwerke
mittlerweile abgeschrieben sind, geht es in keiner Weise um eine
Amortisation der Investition. Zur Sicherung der Energieversorgung ist eine
Restlaufzeit nicht erforderlich. So werden aufgrund finanzieller
Interessen weniger Betreiber von Kernkraftwerken die Interessen der
gesamten deutschen Bevölkerung und großer Teile der deutschen Wirtschaft
gefährdet.

Für den Umgang mit atomarem Abfall existieren keinerlei Konzepte
Neben den Sicherheitsrisiken des Betriebes von Kernkraftwerken ist die
Aufarbeitung und Endlagerung von Kernbrennstoffen mit großen Risiken
verbunden. Eine sichere Lagerung von abgebrannten Kernbrennstoffen ist
nicht möglich. Durch die unsichere Zwischenlagerung werden immense
Probleme zudem völlig verantwortungslos auf kommende Generationen
verschoben.

Die Kernenergie verhindert die Schaffung zukunftssicherer Arbeitsplätze
Durch die weitere Nutzung der Kernenergie werden nicht zukunftsfähige
Arbeitsplätze künstlich aufrechterhalten. Arbeitsplätze, welche durch die
Abschaltung in der Nutzung der Kernenergie verloren gehen, werden in
anderen Bereichen der Energieversorgung durch die Substitution mehrfach
neu geschaffen. Diese neuen Arbeitsplätze sind im besten Sinne
nachhaltigem Wirtschaftens zukunftssicher. Daher leitet sich auch aus
Sicht der Beschäftigungssituation keinerlei Grund für den weiteren Betrieb
der Anlagen her.

Ein deutscher Alleingang ist möglich
Argumente, welche auf die Unmöglichkeit eines deutschen Alleingangs in
dieser Frage zielen, sind zurückzuweisen. Zum Schutz der Bevölkerung
können solche Argumente daher nicht als tragend angesehen werden. Weißt
jede Person der Bevölkerung die Möglichkeit von Alleingängen unter Verweis
auf deren Unmöglichkeit zurück, wird jegliche Eigeninitiative sofort
beendet. Mit einer solchen Geisteshaltung könnte ein jeder aufhören, auf
Ordnung und Sauberkeit zu achten, da ja ein Alleingang unmöglich ist und
die lieben Nachbarn die Straße auch nicht reinigen. Das Resultat einer
solchen Verhaltensweise kann man sich leicht vorstellen. Nur ein Handeln
der Bundesrepublik im Sinne eines umgehenden Ausstiegs berechtigt zu
gleichlautenden Forderungen an andere Staaten. Dem sonstigen Streben nach
einer gesellschaftlichen Vorbildfunktion ist die momentane Haltung der
Bundesregierung strikt zuwiderlaufend. Ein Alleingang ist keinesfalls
unmöglich, sondern allenfalls unbequem.


Der Ausstieg aus der Kernenergie ist umgehend zu realisieren
Die Nutzung einer Technologie, die verheerende Risiken birgt und deren
weiterer Einsatz nicht zwingend erforderlich ist, muß sofort beendet
werden, um Schaden von der Gesamtheit abzuwenden. Jedes Argument zum
Weiterbetrieb auch nur eines deutschen Atomkraftwerkes ist angesichts der
vorgebrachten Argumente und deren Schlüssigkeit entkräftet. Der Ausstieg
aus der Nutzung der Kernenergie ist umgehend umzusetzen. Wir fordern Sie
daher auf, Ihrer Pflicht nachzukommen, die deutsche Bevölkerung und die
deutsche Wirtschaft vor Schaden zu schützen..

Mit freundlichen Grüßen

Dipl.- Ing. Energietechnik Karl- Heinz Remmers
Dipl.- Ing. Energietechnik Michaela Fischbach
Dipl.- Ing. Maschinenbau (FH) Thomas Delzer
Dipl.- Ing. Energietechnik Jens Luchterhand
Dipl.- Ing. Maschinenbau (FH) Peter Strzygowski
Dipl.- Ing. Martin Schnauss

Wir können nicht den Ausstieg anderer fordern, solange wir nicht
wenigstens einen Anfang gemacht haben.




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