Posted by Greenpeace on October 07, 1999 at 22:44:43:
Tokio/Hamburg, 07.10.1999. Bei dem Atomunfall im
japanischen Tokaimura waren wesentlich mehr Menschen
gefaehrlicher Strahlung ausgesetzt, als die offiziell
genannten 49 Personen, die sich waehrend des Ungluecks
innerhalb der Atomanlage aufhielten. Ursachen sind eine
sehr hohe Neutronenstrahlung auch ausserhalb der Anlage und
die nur schleppend angelaufene Evakuierung der Bevoelkerung.
Das ist das Ergebnis von Untersuchungen, die Greenpeace
nach dem Unglueck vor Ort durchgefuehrt hat. Waehrend der
unkontrollierten Kettenreaktion betrug die Strahlendosis im
Umkreis von 175 Metern, also deutlich ueber das Gelaende der
Atomanlage hinaus, noch durchschnittlich ein Millisievert
pro Stunde. Ein Vielfaches des in Deutschland gueltigen
Grenzwertes: Hier zu Lande darf die Strahlungsbelastung
durch Atomanlagen fuer ein ganzes Jahr bei maximal 0,3
Millisievert liegen.
"Obwohl schon nach den ersten zehn Minuten des Unfalls klar
war, dass eine unkontrollierte Kettenreaktion stattfindet,
bei der grosse Mengen Neutronenstrahlung frei werden,
warteten die Behoerden noch fast fuenf Stunden mit der
Evakuierung", sagt Greenpeace-Energieexperte Jan Rispens in
Tokio. "Schwer zu verstehen, warum dabei nur Personen
innerhalb der Anlage Strahlung abbekommen haben sollen, da
die Atomfabrik direkt an ein Wohngebiet grenzt.
Moeglicherweise wurden ausserhalb der Anlage noch ueber 100
Menschen viel zu hohen Strahlendosen ausgesetzt."
Weder der Betreiber der Anlage, die Firma JCO, noch die
japanischen Behoerden haben in den ersten sechseinhalb
Stunden nach dem Unfall ueberhaupt Neutronenmessgeraete
eingesetzt. Um die volle Strahlendosis unmittelbar nach dem
Unfall festzustellen, untersuchte das Greenpeace-Team
Kochsalz aus den Haeusern der Anwohner. Wenn normales Salz
von Neutronen bombardiert wird, entsteht Natrium 24. Die
Menge dieses Stoffes im Kochsalz gab Aufschluss ueber die
Strahlenintensitaet direkt nach den Unfall.
Neutronenstrahlung ist eine der gefaehrlichsten
Strahlungsarten ueberhaupt, vor der auch Haeuser keinen
Schutz bieten. Die Menschen, die vom Zeitpunkt des Ungluecks
bis zur Evakuierung in der naeheren Umgebung der Atomfabrik
waren, muessen einer Strahlendosis von etwa fuenf
Millisievert ausgesetzt gewesen sein. Prof. Dr. Wolfgang
Koehnlein, Mitglied der deutschen Strahlenschutzkommission:
"Fuenf Millisievert ist eine erhebliche Dosis. Dabei ist
noch zu beruecksichtigen, dass nach neuesten
wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische
Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschaetzt wurde
und die tatsaechlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura
zweifellos noch hoeher lag. Es ist daher zu befuerchten, dass
der Unfall bei den Menschen Langzeitschaeden zur Folge hat".
Neben der Neutronenstrahlung fand das Greenpeace-Team auch
die radioaktiven Stoffe Jod-131 und Jod-133 auf Pflanzen in
unmittelbarer Umgebung der Anlage. Das zeigt, dass bei dem
Unfall nicht nur Strahlung frei wurde, sondern auch
radioaktive Stoffe, die sich im Boden und an Pflanzen
abgelagert haben. Weitere Stoffe konnten bislang nicht
nachgewiesen werden.
"Die Betroffenen muessen wie Strahlenarbeiter von
Atomanlagen behandelt werden", fordert Rispens. "Die
Menschen brauchen eine langfristige medizinische Aufsicht
und muessen betreut werden." Rispens weiter: "Der Unfall in
Japan zeigt, dass die Atomtechnik auch in hochtechnisierten
Laendern unkontrollierbar ist. Die Realitaet hat die
Ausstiegsdiskussion in Deutschland eingeholt. Das Schachern
und Gefeilsche um Restlaufzeiten muss ein Ende haben und
der Einstieg in eine umweltfreundliche Energieversorgung
endlich beginnen".