Posted by Greenpeace on June 06, 19100 at 10:53:16:
Umweltorganisation warnt vor Ersatz durch neue Risikoreaktoren
Hamburg, 5.6.2000 - Greenpeace begruesst die heute in Kiew
bekannt gegebene Entscheidung der ukrainischen Regierung,
den letzten laufenden Reaktorblock von Tschernobyl am 15.
Dezember diesen Jahres endgueltig stillzulegen. "14 Jahre
nach der schlimmsten Atomkatastrophe der Geschichte wird
die tickende Zeitbombe Tschernobyl nun endlich
entschaerft", sagt Veit Buerger, Greenpeace-Energieexperte.
"Jetzt muss verhindert werden, dass die Ukraine das
Katastrophen-Kraftwerk durch neue Atomreaktoren ersetzt."
Als Ersatz fuer Tschernobyl beharren die ukrainische und
westliche Regierungen wie die USA nach wie vor auf der
Fertigstellung der beiden Atomkraftwerke Khmelnitzky-2
und Rowno-4 (K2R4). Die Gefahr des Versagens der
Sicherheitshuelle (Containment) und unzureichenden
Erdbebenschutz sind bekannte Schwaechen dieser Reaktoren
sowjetischer Bauart vom Typ WWER-1000. Dass mit dem Bau
von Gaskraftwerken und Investitionen in
Energiesparmassnahmen in der Ukraine eine weitaus
sicherere, umweltfreundlichere und wirtschaftlichere
Energieversorgung aufgebaut werden kann, hatte Greenpeace
bereits im letzten Jahr in einer Studie nachgewiesen.
Die Stilllegung des Atomkraftwerks Tschernobyl hat fuer
die Stromversorgung und die Wirtschaft der Ukraine nur
geringe Folgen. In den vergangenen Jahren ereigneten sich
haeufig Stoerfaelle, in deren Folge der Reaktor abgeschaltet
werden musste. So lag 1999 der Anteil von Tschernobyl an
der gesamten ukrainischen Stromerzeugung bei lediglich
zwei Prozent. Das staatliche Betreiberunternehmen
Energoatom deckte durch den Verkauf des
Tschernobyl-Stroms im gleichen Jahr mit rund 5 Millionen
US-Dollar lediglich 5% seiner Einnahmen.
Schon im Maerz diesen Jahres zeichnete sich ab, dass der
Tschernobylreaktor aus technischen Gruenden bald
stillgelegt werde muss. Greenpeace hatte Dokumente der
ukrainischen Atomaufsichtsbehoerde NRA veroeffentlicht, in
denen es heisst, dass ein halbwegs sicherer Weiterbetrieb
lediglich bis August diesen Jahres gewaehrleistet werden
koenne. "Jeder weitere Tag, an dem Tschernobyl Strom
erzeugt, ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang", so
Veit Buerger.
Der Grund fuer die angekuendigte Stilllegung von Block 3,
der sich im gleichen Gebaeude wie der 1986 explodierte
Block 4 befindet, liegt im sogenannten "gap closure"
innerhalb des Reaktors. Durch den Beschuss mit Neutronen
dehnt sich der Nuklear-Brennstoff in den Brennstoffroehren
aus. Dadurch verengt sich ein fuer die Kernspaltung
notwendiger Luftspalt zwischen dem Kernbrennstoff und dem
ihn abschirmenden Grafitmantel im Reaktorkern. Schliesst
sich der Luftspalt nur an wenigen Stellen, ist der
Betrieb des Reaktors nicht mehr kontrollierbar.