Die Solarkocher kommen

Geschrieben von Michael Lardy   
Thursday, 02 November 2006

ImageMehr als 5 Milliarden Menschen haben tagtäglich das elementare Bedürfnis nach einer warmen Mahlzeit. Ein Teil davon, nämlich 2,5 – 3 Milliarden erwärmen ihre Mahlzeiten mit Gas oder Strom, Energieträger, deren Nutzung mit erheblichen Emissionen verbunden sind. Die verbleibenden 1,5 – 2 Milliarden kochen mit Holz oder anderen, nicht kommerziellen Brennstoffen (z.B. Dung) .....

.... und verbringen bis zur Hälfte des Tages damit, diese Brennstoffe zu sammeln. Eine warme Mahlzeit ist für letztere Gruppe ein Luxus, den sie sich hart erarbeiten muss.

Letztlich führt jede derzeit übliche Kochmethode kurz- oder mittelfristig zu ökologischen Problemen: Die reichen Länder tragen mit Ihrem Gas- und Stromverbrauch zu einer Verschärfung des Treibhauseffektes bei, während das Verbrennen von Holz in den ärmeren Ländern zusätzlich zu einer starken Verminderung des Baumbestandes und einer Ausdehnung von Wüsten führt.

Vorreiterland Schweiz

Umso erfreulicher, dass vor diesem Hintergrund die Nutzung von Solarkochern in den letzten Jahren auf ein ständig wachsendes Interesse stößt. Ob in Mitteleuropa, die Schweiz hat mit 1 Kocher auf 1000 Einwohner die höchste Solarkocher-Dichte der Welt, oder in den ärmeren Ländern der Welt, eines ist unverkennbar: Die Solarkocher kommen!

Historisch betrachtete sind Solarkocher nichts Neues. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts baute Horace Benedikt de Saussure einen „capteur solair“ und erreichte damit 109°C. Zum praktischen Einsatz kam ein Solarkocher bereits 1830 während einer Expedition zum Kap der Guten Hoffnung: Der britische Astronom Sir John Herschel nutze einen solchen Kocher zum Zubereiten seiner Mahlzeiten. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts werden Solarkocher zunehmend in brennholzarmen Gebieten der „Dritten Welt“ eingesetzt.


Solarempfänger von Augustin Mouchot, Mitte des 19. Jahrhunderts


In den letzten Jahren ist der Bekanntheitsgrad von Solarkochern auch in Deutschland erheblich gestiegen. Das liegt daran, dass immer mehr Gruppen und Organisationen sich mit Solarkochern beschäftigen und Baukurse im In- und Ausland organisieren. Außerdem werden Solarkocher nicht mehr ausschließlich als alternative Kochmöglichkeit für Länder der Dritten Welt betrachtet: Die Möglichkeit, Solaröfen auch in Mitteleuropa zu nutzen, wird immer mehr akzeptiert. Zwar kann ein Solarkocher bei uns einen konventionellen Herd nicht vollständig ersetzen, trotzdem bietet er die Möglichkeit, an 100 bis 150 Tagen im Jahr umweltfreundlich zu kochen und mindestens 100 kWh Strom einzusparen.


Großkocher in Saarbrücken


„Wo ist denn da das Stromkabel?“

Solarkocher-Ausstellungen in Deutschland stoßen auf großes Interesse bei der Bevölkerung und führen zu ausführlicher Berichterstattung in den Medien.

„Wo ist denn das das Stromkabel?“ ist eine der Standardfragen, wenn Zuschauer auf den eingesetzten Thermometer 140° bis 180°C ablesen. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass umweltfreundliche Sonnenenergie alleine ausreicht, um solche Temperaturen zu erreichen. Die Faszination und Neugierde, die der Solarkocher bei Zuschauern auslöst, ist beeindruckend. Kein Mikrochip, keine LCD-Anzeige und kein Stromanschluss: Der Solarkocher ist das Anti-High-Tech Produkt par excellence, er überzeugt durch seine Einfachheit. Gleichzeitig räumt er mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, die Sonneneinstrahlung sei zu schwach, um als Energiequelle genutzt zu werden.

Der erste Schritt ins Solarzeitalter

Angesichts der drohenden Klimakatastrophe ist jedem Bundesbürger bewusst, dass persönliches Handeln erforderlich ist. Der Solarkocher bietet hier die Möglichkeit, einen ersten persönlichen Schritt in Solarzeitalter zu machen, denn nicht jeder hat einige Tausend Mark zu Verfügung, um sich eine Solaranlage zu kaufen. Zwar ist der ökologische Nutzen eines Solarofens relativ klein im Verhältnis zu Energiesparmaßnahmen oder dem Einbau einer Solaranlage, es ist aber ein erster Schritt, dem weitere folgen werden.

Solarkocher im Test

Fortschritte hat es nicht nur bezüglich des Bekanntheitsgrades von Solarkochern gegeben, auch auf der professionellen Ebene, im Forschungs- und Produktionsbereich, gibt es immer vielfältigere Aktivitäten. So ist das Angebot an Solarkochern mittlerweile beachtlich: von der solaren Kaffeemaschine bis hin zu Hochleistungskochern mit Wärmespeicher oder solaren Großküchen gibt es für jeden Bedarf den richtige Kocher.

Die Qualität und Leistungsfähigkeit dieser Solaröfen wurden 1994 in dem 2. internationalen Solarkochertest im spanischen Almeria unter Beweis gestellt. 25 verschiedene Solaröfen wurden getestet und die Ergebnisse waren bis auf wenige Ausnahmen durchwegs positiv. Solaröfen sind über viele Jahre in der Praxis erprobt und ständig verbessert worden. Sie haben einen hohen Entwicklungsstand erreicht. Die meisten Modelle sind für den Einsatz in Entwicklungsländern konzipiert, aber auch für Mitteleuropa gibt es nicht nur die Variante „SOLAROFEN“ oder „ATLANTOS ESPRESSO“ (siehe Marktübersicht ab S. 53), sondern auch ein „Luxus“-Modell (SCHWARZER Indoor-Kocher, S. 54), dessen Handhabung einem konventionellen Herd in fast nichts mehr nachsteht.



Solarkocher: Ein immenses Marktpotential

Trotz aller Begeisterung für den Solarkocher in Deutschland bleiben die Entwicklungsländer ein sehr wichtiges Einsatzgebiet mit dem potentiell größten ökologischen Nutzen. In diesem Anwendungsbereich finden in den letzten Jahren wichtige Neubewertungen statt: Solarkocher werden nicht mehr ausschließlich als Objekte für die Entwicklungshilfe betrachtet, sondern immer mehr auch als Wirtschaftsgut mit einem beachtlichem Marktpotential. Laut einer Studie des französischen Forschungsinstitutes SYNOPSIS für UNICEF beträgt das wirtschaftliche Solarkocher-Potential weltweit mindestens 167 Millionen Kocher, was einem Finanzvolumen von 8,83 Mrd. US $ entspricht (Basismodell für 50 US $, Stand 1993). Ein beachtlicher Markt, den sich zum Beispiel die ökologische Anlagenverwaltung VTZ (Versicherungs- Treuhand Zürich AG) mit Recht nicht entgehen lassen will. VTZ finanziert Solarkocher-Projekte (REM-Serie, siehe Marktübersicht) von SYNOPSIS mit dem Ziel, eigenständige Produktionen in Entwicklungsländern aufzubauen und die Kocher dort zu vermarkten. Den lokalen Verhältnisse angepasste Solarkocher bilden die Grundlage für eine erfolgreiche Einführung in den jeweiligen Ländern. Projekte dieser Art wurden bisher u.a. in Ghana, Uganda und Tansania inittiert, weitere sollen folgen. Ökologischer kann eine Geldanlage kaum mehr sein!

Eine eigenständige Produktion in Entwicklungsländern ist auch das Ziel des Ingenieurbüros für Energie und Umwelt (IBEU) von Prof. Schwarzer. Die in Jülich entwickelten Kocher (Schwarzer-Kocher) sollen ebenfalls vor Ort gebaut und dann im jeweiligen Land vermarktet werden. Eine Produktionsstätte in Indien besteht bereits, während weitere, so z.B. in Mali, in Vorbereitung sind.

Es gibt zahlreiche weitere Projekte, die nicht von Unternehmen, sonder von Vereinen oder ähnlichen Gruppen initiiert werden. Auch hier geht es meist darum, eine Produktion im betreffenden Land aufzubauen. Oft werden Solarkocher-Werkstätten gegründet und Einheimische im Solarkocher-Bau ausgebildet. Nach diesem Muster arbeitet unter anderem die Gruppe ULOG um den Schweizer Solarkocher-Pionier Ulrich Oehler oder der bayrische Verein E.G. Solar, der den Parabolspiegel-Kocher SK12 (entwickelt von Ingenieur Dieter Seifert) propagiert. Gerade bei den letztgenannten beiden Initiativen wird das gesamte Know-how (z.B. Konstruktionspläne) kostenlos zur Verfügung gestellt. Ziel dieser Gruppen ist die Hilfe zur Selbsthilfe und nicht ein möglicher finanzieller Gewinn.

Wie der umfangreiche Adressteil am Ende der Buches zeigt, müssten hier noch viele Personen und Vereinigungen genannt werden. Festzuhalten bleibt, dass es eine Vielzahl von Initiativen gibt, die auf den verschiedensten Wegen zur Verbreitung von Solarkochern beitragen.

Natürlich ist der Solarkocher nicht der Schlüssel zur Lösung aller ökologischen Probleme, denn weder in Afrika noch in Deutschland kann er konventionelle Herde vollständig ersetzen. Er ist ein wichtiger, wenn auch kleiner Baustein auf dem Weg in eine umweltfreundlichere Energiezukunft: Ein weiterer Schritt ins Solarzeitalter.