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Mobil ohne Sprit

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Geschrieben von Oliver Klempert   
Donnerstag, 27 November 2003

Eine Tour quer durch Deutschland mit Elektromobilen - das ist nicht dasselbe wie mit benzingetriebenen Autos. Kinderkrankheiten wie festgefahrene Bremsen und überhitzte Akkus sind das eine. Das andere sind Kontakte und die Begeisterung für praktizierten Umweltschutz.

Unter Plastikhauben legen wir mehr als 1.000 Kilometer zurück und sterben bei bis zu 45 Grad für die Überzeugung einen Hitzetod. Dazu haben wir im Rückspiegel alle naselang riesige Laster, die mit uns Katz‘ und Maus spielen. Die lapidare Antwort eines Vaters auf die Frage seines Sohnes, was denn da auf dem Campingplatz vorbeirolle ist so ernüchternd, dass uns dazu nichts mehr einfällt: »Das ist die Gurkenklasse.«

Ein kühnes Vorhaben?

Und doch wollen wir zurückbrüllen: »Auch Ihr werdet eines Tages damit fahren müssen«, doch sind Vater und Sohn bereits verschwunden. Wahrscheinlich steigen sie gerade in seinen Mittelklassewagen ein und drehen erst einmal die Klimaanlage auf. Und wahrscheinlich brauchen sie auch keine zwei Tage für 200 Kilometer. Wir hingegen müssen erst einmal laden...

Denn wir sind mit Elektromobilen unterwegs - quer durch die Republik. Eine Rundtour, sage und schreibe 1800 Kilometer weit. Um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und ein Bewusstsein für etwas zu schaffen, dass seit Jahren vor sich hindümpelt, etwas, das einfach nicht übers Keimen hinauskommen will und um Menschen diese fast lautlose Art des Reisens nahe zu bringen. So eine Tour ist in Deutschland bislang noch nicht ausprobiert worden.
Wenn es morgen kein Benzin mehr gäbe, wie würde die Zukunft dann aussehen? Um dies wirklichkeitsnah herauszufinden, ist die Tour straff geplant: Bis zu 250 Kilometer stehen täglich auf dem Programm.

Von Dortmund ausgehend führt die Tour über Köln, Erlangen und Leipzig nach Wolfsburg, dann wieder gen Westen Richtung Aachen. Manchmal führt die Tour über Schnell-, meistens aber über Landstraßen - schließlich soll auch getestet werden, inwieweit Elektromobile auch als Urlaubsvehikel dienen können. Ausgetüftelt hat die Strecke der Verein der Elektromobile der Region Aachen (Vera e.V.).

Der etwas anfällige Fuhrpark

Unterwegs sind wir mit Fahrzeugen, wie man sie handelsüblich kaufen kann: dem »Twike«, einem dreirädrigen Mobil, das in Deutschland 250 Mal unterwegs ist und bei München hergestellt wird, sowie dem einsitzigen »CityEl«, einem Elektromobil, das ursprünglich aus Dänemark kommt und heute in der Nähe von Würzburg produziert wird. Von ihm sind europaweit zirka 5000 Exemplare unterwegs. Ebenfalls mit dabei: ein VW »Citystromer«, ein Elektrogolf, den Volkswagen einmal in Kleinstserie produzierte sowie ein Skoda »Favorit«. Insgesamt sind es acht Fahrzeuge.
In Leipzig haben wir das Schlimmste schon hinter uns, nämlich die Hitzeperiode, die ganz Deutschland schwitzen und uns regelmäßig stehen ließ: Akkus laden nicht, wenn sie eine gewisse Temperatur überschreiten, die Ladeautomatik schaltet dann ab, um sie nicht zu schädigen. In den zurückliegenden sechs Tagen standen wir immer wieder herum, schnorrten auf Tankstellen Strom und Schatten, besorgten uns Trockeneis aus der Apotheke und verpassten den Akkus Kältemanschetten oder versuchten mit einem Handsauger die heiße Luft herauszubekommen.

Das Positive

Dies ist die eine Seite, wenn man mit Elektromobilen auf lange Tour geht. Die andere Seite: Während sich viele Automobilhersteller damit rühmen, dass man im Innenraum ihres Autos von der Außenwelt nichts mehr hört, so kann man auch anders fragen: Ist es nicht schön, wenn endlich mal wieder das Gegenteil zutrifft? Wenn Vögel nicht sofort davon fliegen, wenn man am Bäumen vorbeirollt? Wenn man plötzlich mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommt, die wissen wollen, wie weit man denn damit komme, wie schnell man damit sei und was man verbrauche. Und man dann antworten kann: »Zirka 100 Kilometer weit. Etwa 80 Stundenkilometer schnell. Und das alles für umgerechnet 0,3 Liter Benzin auf 100 Kilometer.«
Als ein wichtiges Ergebnis der Tour bleibt schon jetzt festzuhalten: Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass alternative Mobilitätskonzepte her müssen - auch wenn weiterhin wohl nur die wenigsten umsteigen werden, sofern Benzin nicht wesentlich teurer wird.

Strom tanken

Angesichts von rund 80 Millionen Autos, die allein in Deutschland zugelassen sind, ist die Allmacht der Benzin gestützten Mobilität und ihrer Verfechter erdrückend. Eindrucksvoll zeigte sich dies bei einem Ladestopp im sachsen-anhaltinischen Gera: Dort hatte sich der städtische Stromversorger vor nunmehr acht Jahren eine 12-kWp-Anlage auf das Vordach seines Hauptgebäudes gesetzt und genau darunter sechs Ladestationen für Elektrofahrzeuge einst gedacht für Monteure und Installateure, die umweltfreundlich durch die Stadt zu ihren Kunden fahren sollten. Doch der Versuch misslang: Die Partnerfirmen gingen pleite - und wenn nicht gerade Elektromobilfahrer auf ihrer Tour vorkommen, werden diese Ladeplätze allenfalls als schattige Parkplätze - für Benziner - genutzt.

Auch an Tankstellen zeigte sich dies, denn überall Strom zu bekommen ist nicht einfach: Tankstellen werden in Deutschland verpachtet und steht hinter der Kasse eine Angestellte und der Pächter selbst ist nicht da, so wird der Zugang zur Dose schnell verwehrt. Oder aber es werden horrende Preise verlangt: 5 Euro für eine Kilowattstunde etwa - aus der Unsicherheit heraus, was Strom wohl kostet. Einmal im Jahr ein kurzer Blick auf die Stromjahresabrechnung steht in keinem Verhältnis zum fast täglichen Besuch einer Tankstelle und der Kontrolle der Preistafel. Die tatsächlichen Stromkosten bei einer Volladung von fünf Fahrzeugen liegen gerade einmal bei 3 Euro wohlgemerkt für alle zusammen. Um es anschaulich zu sagen: Auf 100 Kilometer verbraucht ein »CityEl« 3,5 bis 5 Kilowattstunden - gerade mal 70 Cent!
Fazit

Mit dem Elektromobil unterwegs zu sein, ist mit den Produkten, die es derzeit auf dem Markt gibt, nichts für Eilige. Dafür aber für Menschen, die Lust auf Kontakte und Begegnungen haben. Als wir nach elf Tagen schließlich unser Endziel Aachen erreichen, können wir die Frage »Taugen Elektromobile für Langstreckenfahrten und als Urlaubsvehikel?« beantworten: Nicht bei Temperaturen wie in diesem Jahr. Und generell wohl auch dann nicht, wenn weite Strecken innerhalb kürzester Zeit zurückzulegen sind. Auch ist der Stauraum zumindest im »Twike« und im »CityEl« begrenzt. Aber das ewige Argument, E-Mobile seien eben doch nur etwas für die Stadt, ist trotzdem widerlegt: Schließlich hat der Aachener Verein die Tour abgeschlossen und sein Heimatziel auf eigenen drei beziehungsweise vier Rädern erreicht - wenn auch mit einigen Blessuren. Und mit »Gurkenklasse« hat das nicht viel gemein.

Oliver Klempert schrieb als freier Journalist im Auftrag der Redaktion Sonne Wind & Wärme diesen Beitrag, der in Ausgabe 10/2003 erschienen ist. Informationen zum Branchenblatt Sonne Wind & Wärme: www.bva-solar.de.
Fotos: Oliver Klempert













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