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Solar, ohne Geld, im Osten

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Lothar Schlegel wusste alles über Silizium aus eigener Erfahrung und alles über Photovoltaik aus der Literatur. Beides waren Voraussetzungen, um bereits 1993 ein erfolgreiches Photovoltaik-Unternehmen zu gründen: Die Solarwatt in Dresden.
Allgemein gilt als »Solarpionier« derjenige, der früh mit der Entwicklung und Produktion von photovoltaischen oder solarthermi-schen Systemen begann. Am besten so früh, dass ihn die Öffentlichkeit noch als »Öko-Spinner« geißelte. In diesem Sinne kann der Elektroingenieur Lothar Schlegel als Pionier gelten. Doch wird man mit dieser Charakterisierung der Person Schlegel – was die berufliche Seite angeht – nicht gerecht. Denn Lothar Schlegel hat nicht nur bereits 1993 das Unternehmen Solarwatt GmbH (jetzt AG) in Dresden gegründet und dürfte damit einer der ersten Solar-unternehmer in den neuen Ländern sein. Mehr noch: Schlegel hat es in einem Alter gegründet, in dem sich andere bereits nach einer ruhigen Nische umsehen, um der Frühpensionierung entgegenzuarbeiten. Die Gründung erfolgte so gut wie ohne eigene finanzielle Mittel und mit einem beruflichen Hintergrund, der von der Bürokratenwirtschaft der früheren DDR geprägt war. Solar, ohne Geld, im Osten – ein Dreifachpionier also.

Über den Tellerrand der Bürokratenwirtschaft blickte Schlegel aber schon zu DDR-Zeiten: »1986 begann ich ein Aufbaustudium in Jena und machte mich mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise vertraut«, berichtet Schlegel. Damals war er als Hauptabteilungsleiter »Elektrische Messtechnik« im Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD) für den Auslandsdienst ausgewählt worden. Das Jenaer Aufbaustudium war nichts anderes als ein betriebswirtschaftliches Studium, wie es hunderttausende Studenten im Westen auch schon absolviert hatten. Für den von der DDR geprägten Aufbaustudenten war es jedoch eine »völlig fremde Welt«, wie er sich erinnert. Da ging es neben betriebswirtschaftlichem Hand-werkszeug auch um Fragen, die man in der DDR öffentlich nicht stellen durfte, geschweige denn beantwortet bekam: Wie verhindere ich einen Betriebsrat? Wie hält man sich die Gewerkschaften vom Leibe?

Das Aufbaustudium gab Schlegel einen tiefen Einblick in marktwirtschaftliche Instrumente und Mechanismen. »Das war alles hochinteressant«, sagt Schlegel heute noch, »denn teilweise wussten wir dadurch, was die DDR alles falsch machte.« Die dem realsozialistischen System völlig entgegengesetzte Ausbildung in Jena diente dazu, ihn fit für den dann folgenden Auslandsjob zu machen: Schlegel leitete ab 1988 vom holländischen Hilversum aus die Jenoptik-Niederlassung für Holland und Belgien.

»Das war von der Lehre an bis dahin eine gerade Linie «, beurteilt er im Nachhinein seine berufliche Karriere. Diese Linie begann in den 50er Jahren nach der Mittleren Reife mit einer Lehre in Mess- und Regelungstechnik im VEB Kombinat Otto Grotewohl Böhlen. Nach seinen Worten eine »hervorragende Ausbildung«, die ihn mit »allen Finessen« der Messtechnik vertraut machte. Abends machte Schlegel sein Abitur nach und studierte nach dem Ende der Lehrzeit elf Semester an der TU Dresden. Seine Diplomarbeit 1966 beschäftigte sich mit der Druckempfindlichkeit von Siliziumsensoren und gab damit einen ersten Hinweis auf das, womit Schlegel nach der Wende in einer völlig neuen Branche erfolgreich war.

Mit der geraden Linie war es nämlich nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik im Jahre 1990 vorbei. Den Jenoptik-Niederlassungen im »kapitalistischen Ausland« fehlte es an Nach-schub aus Thüringen, so dass die entsprechenden Unternehmen aufgelöst wurden. Schlegel war zu dieser Zeit schon wieder in Dresden – jetzt in der Geschäftsleitung des ZMD. »Es ging darum, dass ZMD gesund zu schrumpfen«, sagt Schlegel. Keine dankbare Aufgabe, denn es ging schließlich um 3.300 Mitarbeiter, davon 1.500 diplomierte oder promovierte Wissenschaftler. Das Vorhaben gelang durch Ausgliederungen von Geschäftsfeldern, Teilprivatisierungen und Übernahmen ganzer Bereiche des ZMD durch etablierte oder neugegründete Forschungsinstitute.

In diesem Zusammenhang entstand auch die Firma Solarwatt. Dabei hatte Schlegel anfänglich durchaus nicht im Sinn, das Unternehmen selbst zu gründen. Als aber seine Idee, eine Photovoltaikfabrik in Dresden zu etablieren, vor allem Subventions-abschöpfer anzog, entschloss er sich gemein-sam mit seinem Kollegen Frank Schneider, es selbst zu machen. Mit finanzieller Unterstützung zweier »Bundesbürger aus Staffelstein« gründeten Schneider und Schlegel Anfang 1993 die Solarwatt. Die beiden setzten
von Anfang an auf die Entwicklung einer eigenen Modulfertigungstechnologie. So wurden erste Solarmodule für die Versor-gung von Fahrkarten- und Zigarettenautomaten
in einem selbst entwickelten Gießverfahren hergestellt. 1996 erfolgte der Einstieg in die Laminiertechnik. Auch viele der benötigten Maschinen stammten aus dem eigenen Haus – noch bis vor kurzem verkaufte die Solarwatt selbst entwickelte Stringer-Automaten.

Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der solaren Stromerzeugung und damit Zweifel an den Überlebenschancen seines Unternehmens kamen bei Schlegel weder damals noch später auf. Der unbedingte Glaube an die Photovoltaik als Zukunftstechnologie ließen ihn trotz anfänglicher Unterfinanzierung des sächsischen Unternehmens alle Klippen des nun ausgebrochenen Kapitalismus umschiffen – obwohl es manchmal knapp wurde. So 1998, als das EEG im Entstehen war und alle darauf warteten. »Über Nacht brach die Nachfrage zusammen und das blieb auch mehrere Monate so. Wir hatten einen Umsatzrückgang von 50 % – ein ungeheuer schweres Jahr«, erinnert er sich. Der Einstieg von Stefan Quandt – einem Spross der milliardenschweren Unternehmer-Dynastie – als Gesellschafter verschaff te Solarwatt danach die nötige Luft, um in den Folgejahren im Wettlauf um Marktanteile mithalten zu können. Mit nunmehr 100 MWp Jahreskapazität gehört das Dresdner Unternehmen mittlerweile mit Solarworld, Solon und Aleo zu den vier großen Modulfertigern in Deutschland.

Für Schlegel stand das Potenzial der Photovoltaik ernsthaft nie in Frage. Mit ihm über die Zukunft der Photovoltaik zu diskutieren ist so, als diskutiere man über die Existenz der Schwerkraft. »Es gab nie, wirklich nie einen Zweifel daran, dass die Photovoltaik in den nächsten hundert Jahren eine herausragende Stellung einnehmen wird«, bekräftigt er noch einmal. »Das geht gar nicht anders.« ?
 
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