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»Fische brauchen keinen Strom«

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Aloys Wobben ist Inhaber und Geschäftsführer der Enercon GmbH, die er 1984 gründete. Das Windenergie-Unternehmen gehört qualitativ und quantitativ zur Weltspitze und ist seit Jahren unangefochten Marktführer in Deutschland. Zahlreiche Innovationen haben Enercon den Weg an die Spitze geebnet.

Enercon ist immer für eine Überraschung gut. Als erstes Windenergie-Unternehmen überhaupt brachte Enercon Ende 2005 eine 6-MW-Anlage ans Netz. Im Jahr darauf installierte das Auricher Unternehmen gegen den Trend zu immer höheren Nennleistungen die E-20, einen Prototypen mit nur 100 kW.
Obwohl Enercon bereits im Herbst 2004 eine E-112 in der Emsmündung errichtete und damals von vielen als zukünftiger deutscher Offshore-Pionier gesehen wurde, zog Aloys Wobben bald darauf überraschend die Bremse und distanzierte sich von allen Offshore-Plänen. Das erste deutsche Offshore-Testfeld, Borkum West, wird nun ohne Beteilung des Marktführers realisiert. Enercon geht eigene Wege und steckt viel Entwicklungsaufwand
beispielsweise in die Energiespeicherung und die Meerwasserentsalzung. Mit Aloys Wobben sprach SW&W im Firmensitz in Aurich.

SW&W: Herr Wobben, brauchen wir Atomkraftwerke, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen?
Wobben: Diese Energieform ist sehr risikoreich, wie Tschernobyl gezeigt hat. Menschliches oder technisches Versagen führt hier zu riesigen Problemen. Ich würde mir nicht anmaßen, in hundertprozentig sicheres Kernkraftwerk zu bauen. Wir sollten vielmehr Energieträger nutzen, die uns unendlich zur Verfügung stehen und das sind erneuerbare Energien. Die Frage ist auch, wer von einer Technologie profitiert: Sind es Einzelne wie bei der Kernenergie oder sind es alle, die es machen wollen – wie bei den erneuerbaren Energien? Die Kernenergie kann ja, wenn überhaupt, nur eine Übergangsform sein, weil das Uran nicht lange reicht. Das ist also nur eine kleine Zeitspanne, in der einige wenige sehr reich werden und andere die Probleme haben. Das macht keinen Sinn, wir brauchen das nicht, es gibt genug regenerative Energie.

»Ich gehe davon aus, dass die Autos der Zukunft elektrisch fahren.«


Aloys Wobben gibt selten Interviews und lässt sich noch seltener fotografieren. Von den wenigen veröffentlichten Portraits, die es von ihm gibt, ist dieses das treffendste. Das Foto, erschienen im Bildband »Windgesichter«, zeigt einen Unternehmer, dem die Beharrlichkeit des Ingenieurs und die Freude an der Technik deutlich anzusehen ist. Es entstand in einer Gondel einer E-66 in Westerholt. Foto: Jan Oelker

SW&W: Genug, um die gesamte Stromversorgung Deutschlands zu übernehmen? Das sind 540 Milliarden Kilowattstunden.
Wobben: Ich gehe noch weiter: Wir haben im Verkehrsbereich noch einmal einen Energieverbrauch von 500 Milliarden Kilowattstunden. Auch das muss ersetzt werden. Ich gehe davon aus, dass die Autos der Zukunft elektrisch fahren. Ein Audi A4 verbraucht 40 Kilowattstunden für 50 km Fahrt – bei einem elektrischen Antrieb mit Batterie kommt er mit einem Viertel der jetzt verbrauchten Energie aus, weil die Verbrennungsmotoren hauptsächlich nicht genutzte Wärme produzieren. Rechnen wir mal eine Fahrleistung von
500 km in der Woche, dann kann der Ertrag einer E-82 etwa 4.000 Elektroautos
mit Elektrizität versorgen. Den Verkehrssektor können die erneuerbaren Energien also auch
versorgen.

SW&W: Bleiben wir erst einmal bei der Stromversorgung ...
Wobben: Jetzt haben die erneuerbaren Energien – hauptsächlich Wind – bereits einen Anteil von über 11 % an der Bruttostromerzeugung. Das ist schon ein hervorragendes Ergebnis, welches es noch zu steigern gilt.

SW&W: In vielen Ländern betreiben große Unternehmen Windparks, in Deutschland sind das immer noch viele Einzelpersonen. Ist die in Deutschland verbreitete Vorstellung einer dezentralen Energieversorgung zukunftsfähig?
Wobben: Das war früher einmal so, so sind wir tatsächlich angefangen. Heute sind Einzelanlagen eher selten, gerade vor dem Hintergrund der heute ausgewiesenen Vorrangflächen für Windenergie. Auf diesen Flächen werden heute größere Windparks realisiert, welche von Betreibergesellschaften, privaten Investoren oder auch Energieversorgern betrieben werden.

»Für jeden Standort möchten wir eine passende Lösung anbieten und ein Lieferant für alle Größen sein. Das ist selbstverständlich für uns.«

SW&W: Sie haben mit der E-20 mit 100 kW Leistung eine Maschine gegen den Trend zu immer größeren Nennleistungen entwickelt. Welche Überlegung steckt dahinter?
Wobben: Als wir anfingen, haben wir ganz mutig gesagt: Energie für die Welt. Das bedeutet, dass man auch kleine Anlagen haben muss, denn es gibt Länder, in denen zum Beispiel das Netz ein limitierender Faktor ist und ausschließlich kleine Anlagen erfordert. Auch der Transport kann effizienter und kostengünstiger durchgeführt werden. Wir haben zum Beispiel zwei E-30 in der Antarktis, die dort eine Forschungsstation versorgen. Zum angesprochenen Trend: Die großen Anlagen werden vom Markt verlangt. Sie sind auch wichtig für die Politik – um zu zeigen, dass es sich hier um richtige Kraftwerke handelt, die enorme Energiemengen liefern.

SW&W: Aber um Forschungsstationen in der Antarktis zu versorgen, braucht man doch keine Serienproduktion. Wo soll denn das Massengeschäft mit der E-20 stattfinden?
Wobben: Die E-20 ist hervorragend geeignet für Länder mit unzureichenden Netzkapazitäten beziehungsweise auch für den Verbund mit anderen regenerativen Systemlösungen wie zum Beispiel dem Enercon Wind-Diesel-System. Für jeden Standort möchten wir eine passende Lösung anbieten und ein Lieferant für alle Größen sein. Das ist selbstverständlich für uns.

»Wir müssen unseren Kunden die preiswerteste Kilowattstunde anbieten über eine ganz lange Zeit.«

SW&W: Betrachten wir das andere Ende des Leistungsspektrums. Sie wollen in diesem Jahr noch eine erste E-126 installieren mit 6 MW Nennleistung. Ist dann die Entwicklung schon am Ende oder haben wir irgendwann eine 10-MW-Maschine?
Wobben: Ich glaube, wir markieren damit das Ende, mehr geht nicht. Die Rotorblätter werden dann zu lang und zu schwer und die Drehzahl wird immer kleiner.

SW&W: Geraten die großen Maschinen nicht schon jetzt an den Rand der Wirtschaftlichkeit?
Wobben: Man kann ableiten, dass die E-82 den günstigsten Strom produziert. Wir müssen unseren Kunden die preiswerteste Kilowattstunde anbieten über eine ganz lange Zeit, insofern ist die E-82 zurzeit die beste Maschine. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir durch die Probleme, die wir mit CO2 und anderen klimaschädigenden Emissionen haben, noch schneller auf erneuerbare Energien umsteigen. Für diesen Fall wollen wir mit großen Maschinen bereit sein. Die großen Anlagen sind einfach erforderlich, wenn man auch den Verkehrssektor mit versorgen möchte, also Autos elektrisch betreiben will. Dann brauchen wir riesige Energiemengen und dementsprechend große, ausgereifte Maschinen.

»Andere Hersteller haben bereits Offshore-Anlagen realisiert. Aber wir haben dafür keine Zeit.«

Da Enercon fast alles selbst produziert, spielt die Fertigungstechnik eine große Rolle. Das Foto zeigt die Fließfertigung der E-70 in Aurich. Foto: Enercon


SW&W: Welche Einsatzmöglichkeiten in Deutschland sehen Sie für die E 126? An Land?
Wobben: Ja natürlich, nur an Land. Fische brauchen keinen Strom.

SW&W: Gibt es keine logistischen Probleme? Mit dem Turm beispielsweise?
Wobben: Sie sollten nicht immer von den Problemen sprechen. Wir müssen über die Chancen reden. Von den Chancen, dass wir mit den mittleren und den großen Maschinen so viel Energie bereitstellen, dass die Stromversorgung und der Verkehrssektor gedeckt sind. Da müssen wir hingucken und im Prinzip haben wir keine Probleme. Probleme werden wir bekommen, wenn wir nichts tun. Deutschland muss ein Vorbild für die Zukunft werden – mit den besten und den meisten installierten Maschinen.

SW&W: Ist die Offshore-Windenergie für Sie eher eine Chance oder ein Problem?
Wobben: Ich sagte schon, die Fische brauchen keinen Strom.

»Die Natur macht keine Fehler und daraus kann man viel lernen.«

SW&W: Es soll ja Kabel geben, die den Strom abführen. Aber das wird Ihrer Meinung nach nicht klappen, oder?
Wobben: Doch, natürlich, andere Hersteller haben ja bereits Offshore-Anlagen realisiert.
Aber wir haben dafür keine Zeit.

SW&W: Enercon-Maschinen haben einzigartige technische Ansätze, zum Beispiel das getriebelose Konzept. Warum wird das nicht öfter kopiert?
Wobben: Eine Windenergieanlage mit Getriebe kann man sehr schnell zusammenstellen, dafür gibt es Lieferanten. Damit kommt man sehr schnell in den Markt. Wenn man das anders machen will, muss man alles selber bauen. Geld in die Hand nehmen, Fabriken bauen, Know-how entwickeln. Das dauert lange, wir sind ja langsam gewachsen. Wir streben eine möglichst lange Laufzeit unserer Maschinen an. Das passt zu erneuerbaren Energien – Lebenszeiten von vierzig, fünfzig oder sechzig Jahren. Für uns ist das eine Frage der Ethik. Mit unseren Maschinen geht das, weil wir die Lastwechsel nicht haben, mit denen eine Getriebemaschine fertig werden muss.

»Eine der größten Herausforderungen ist die Speicherung des regenerativ erzeugten Stroms.«

SW&W: Lange laufen ist ein Aspekt, besser laufen ein anderer. Ihre neues Blattprofil bringt 10 % mehr Ertrag. Wie kommt man auf so eine Idee?
Wobben: Erst einmal darf man nicht hingucken, was die anderen machen. Man muss sich im Geist befreien und sich fragen: Wie macht es die Natur? Die Natur macht keine Fehler und daraus kann man viel lernen. Darüber, dass die Umsetzung in Technik dann nicht so ganz einfach ist, wollen wir hier nicht philosophieren. Wichtig ist, dass wieder einmal der Wirkungsgrad besser geworden ist und das freut uns doch alle, oder?

SW&W: Was ist von Ihnen an technischen Innovationen in den nächsten Jahren noch zu erwarten?
Wobben: Einiges ... wir haben bestimmte Wünsche, was wir realisieren wollen. Es sind komplizierte Dinge. Wenn man jetzt sagt, man entwickelt konkret das und das, wird man schnell unglaubwürdig, wenn es so nicht klappt. Aber ohne allzuviel zu verraten: Eine der größten Herausforderungen ist die Speicherung des regenerativ erzeugten Stroms.

»Man muss sich genau überlegen, welche Teile zur Kernkompetenz unseres Unternehmens in Deutschland gehören.«

SW&W: In Portugal errichten Sie eigene Werke, um die jüngst beauftragten 1.200 MW liefern zu können – ein Modell für Ihr zukünftiges Auslandsgeschäft?
Wobben: Die Frage ist natürlich, ob man die ganzen Teile einer Windenergieanlage über den Globus transportieren will. Das kostet viel Geld. Darüber hinaus passt es auch zu erneuerbaren Energien, wenn man etwas für die Region tut. Die Akzeptanz steigt dadurch,
bei Politikern und anderen Verantwortlichen kommen Sie dadurch einen großen Schritt weiter. Man muss auch eines sehen: Der Klimawandel lässt uns auch keine Zeit mehr. Wir müssen den effektivsten und schnellsten Weg gehen. Wenn Arbeitsplätze in der Region dazu
führen, dass Politiker sich für erneuerbare Energien aussprechen, ist das eine gute Sache. Man muss sich natürlich genau überlegen, welche Teile man dort produzieren will und welche Teile zur Kernkompetenz unseres Unternehmens in Deutschland gehören.

SW&W: Ihre Lebensleistung ist mehrfach gewürdigt worden: Bundesverdienstkreuz, Deutscher Umweltpreis, Europäischer Solarpreis, Ehrendoktorwürde im letzten Jahr in Kassel – welche Auszeichnung ist für Sie die wichtigste?
Wobben: Möglicherweise war das ein Essen mit meinen Spitzenmanagern.

SW&W: Warum?
Wobben: Ich glaube, dass die Internen die Leistung sehr gut beurteilen können. Die externen Auszeichnungen sind natürlich auch schön – ihr Wert liegt aber eher darin, dass sie ein Beispiel geben, ein Signal für andere, auch etwas zu tun. Darüber hinaus gibt es noch eine allgemeine Bedeutung dieser Preise – nämlich dass wir in Deutschland etwas können und dass wir daran wieder einmal glauben müssen. Vielleicht ist das der wichtigste Effekt.

Dieser Text wurde von Jörn Iken exklusiv für Sonne Wind & Wärme geschrieben und erschien in der Ausgabe 4/2007.


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