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Auf dem Weg zur Solarstadt

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Geschrieben von Ina Röpcke   
Donnerstag, 21 Dezember 2006
Gelsenkirchen, ein ehemaliges Zentrum der Montanindustrie, nutzt die Solarenergie für den Strukturwandel. Daraus ergibt sich ein neues Image: Die Stadt der 1000 Feuer geht den Weg zur Stadt der 1000 Sonnen. »Willkommen in der Solarstadt Gelsenkirchen!« In großen Lettern prangt der solare Willkommensgruß am Ausgang des Hauptbahnhofs. Ein paar Schritte weiter, auf dem Bahnhofsvorplatz, wurde rechtzeitig zum Spielauftakt in der WM-Stadt eine Photovoltaikanlage mit 10,5 kWp Leistung in Betrieb genommen. »Das ist unser neues Wahrzeichen. Das wird wahrgenommen«, sagt Wolfgang Jung, Geschäftsführer des Fördervereins Solarstadt Gelsenkirchen, und betont: »Wenn wir solar sagen, meinen wir nicht nur Photovoltaik und Solarthermie. Wir denken dabei an die ganze Bandbreite der neuen und erneuerbaren Energien und an Energieeffizienz.« Und mit Nachdruck fügt er hinzu: »Uns geht es um Jobs.« Sicher sei der Klimaschutz wichtig, aber in der Stadt mit 273.000 Einwohnern, die allein zwischen 1980 und 2000 durch den Niedergang der Montanindustrie rund 30.000 Arbeitsplätze verloren hat, wolle man in erster Linie Arbeitsplätze schaffen.

An diesem Ziel arbeiten Jung und zahlreiche Mitstreiter seit Jahren intensiv. Ein Aktiver der ersten Stunde ist Gerhard Osadnik, Leiter des Umweltreferats der Stadt Gelsenkirchen. »Anfang der Neunziger suchte man im Rahmen der Internationalen Bauausstellung nach neuen Perspektiven für die Stadt«, erinnert sich dieser. »Die Montanindustrie war zusammengebrochen, eine ökonomische Krise zu bewältigen.« So entdeckte man das »Riesenpotential der erneuerbaren Energien« für die regionale Wirtschaft und den Klimaschutz. »Sich stärker auf die regenerativen Energien zu konzentrieren, war eine strukturpolitische Entscheidung von oben mit rein wirtschaftlichem Kalkül«, sagt er frei heraus.

Hinzu kam, dass man auf diesem Gebiet die langjährige Erfahrung der Stadt mit Energie nutzen konnte. Bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts war Gelsenkirchen als ein führender Standort der deutschen Schwerindustrie für seinen Kohlebergbau, Eisen- und Stahlverarbeitung bekannt. Erst 1999 schloss die letzte Kokerei, im Jahr 2000 die letzte Zeche. Bei einer Arbeitslosenrate von über 18 % sind Alternativen gefragt. »Von der Stadt der 1000 Feuer zur Stadt der 1000 Sonnen« lautet die Vision. Struktur- und Imagewandel sollen sich auch verbal in den Köpfen der Menschen verankern. Wegen der vielen Fackeln, mit denen im Bergbau das Grubengas verbrannt wurde, trug die Kohlestadt jahrzehntelang den Beinamen Stadt der 1000 Feuer. Jetzt ist ein »sauberes« Image erwünscht, das einen hohen Lebenswert und viel Grün impliziert. »Solarenergie ist ein sauberes Thema«, erläutert Osadnik. Neben den erneuerbaren Energien sollen auch begrünte, stillgelegte Industrieflächen die Stadt zunehmend attraktiver machen. Mit ebenso spektakulären Projekten wie kontinuierlichen Fortschritten beweisen die Vertreter der Solarstadt, dass sie ihren Weg hin zur Stadt der 1000 Sonnen beharrlich gehen.


Wiege der Solarstadt Gelsenkirchen

Ein erster Meilenstein war die Eröffnung des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen im Jahr 1995. Das Technologiezentrum ist das wohl bedeutendste Projekt der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, die städteübergreifend von 1989 bis 1999 im nördlichen Ruhrgebiet stattfand. Die mehrfach ausgezeichnete »gläserne Denkfabrik für das neue Jahrtausend« wird als die Wiege der Solarstadt Gelsenkirchen bezeichnet. Ausschlaggebend hierfür war die Solarstromanlage mit 210 kWp Leistung auf dem Dach des 300 m langen Gebäudes. Die aufgeständerte Anlage war damals nicht nur weltweit die größte ihres Typs, sie ebnete auch dem ortsansässigen Solarmodulhersteller Pilkington Solar, der später in Flabeg umfirmierte und 2003 von dem niederländischen Glaskonzern Scheuten übernommen wurde, den Weg in die Serienfertigung.

Signalwirkung hat auch der Standort. Der Wissenschaftspark mit seinen weitflächigen Grünanlagen wurde auf dem 30 ha großen, ehemaligen Zechengelände Rheinelbe errichtet, auch dies ein Zeichen für den Strukturwandel mit neuen Schwerpunkten. Neben den Bereichen Informationstechnologie und Gesundheitswirtschaft sind die Zukunftsenergien eine der Hauptsäulen des Gründer- und Technologiezentrums. Zu den Unternehmen, die sich hier niedergelassen haben, gehört zum Beispiel die frisch gegründete Vandenborre Hydrogen Integrator GmbH, die sich mit der Systemintegration erneuerbarer Energien und mit Wasserstoffspeicherung beschäftigt. Schüler und andere Gäste können in dem Technologiezentrum die SolarExpo, die bundesweit einzige Photovoltaik-Mitmach-Ausstellung, besuchen. Im Jahr 2005 luden der Wissenschaftsladen Bonn und das Bundesumweltministerium in der Arkade zur »Job- und Bildungsmesse Erneuerbare Energien« ein. Im Oktober tagen Eurosolar und der Weltrat für Erneuerbare Energien (WCRE) an gleicher Stelle zum Thema »Energieautonomie durch Speicherung Erneuerbarer Energien«. »Der Wissenschaftspark hat sich als beliebter Ort für hochkarätige Energieveranstaltungen etabliert«, stellt Jung zufrieden fest. Als Anziehungspunkt für Gäste aus aller Welt betreiben der Leiter der »Projektgruppe Zukunftsenergien der Wissenschaftspark Betriebsgesellschaft« und sein Team von hier aus Marketing für die gesamte Energieregion Nordrhein-Westfalen.

 


Foto: Stadt Gelsenkirchen

 

Das Bild der Solarzellenfabrik, die Shell Solar im Jahr 2000 in Gelsenkirchen eröffnete, ging um die Welt. In diesem Sommer wurde die Fertigung von Solarworld übernommen.


Von der Forschung bis zur Anwendung

»Wenn wir von Energie sprechen, sehen wir immer die ganze Region«, stimmt Referatsleiter Gerhard Osadnik zu. »Aber mehr als alle anderen Städte setzen wir auf Solar.« Und dies entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im Bereich Forschung und Entwicklung ist neben dem Wissenschaftspark die Fachhochschule Gelsenkirchen mit ihrem Lehr- und Forschungsbereich Solartechnik und regenerative Energien zu nennen. Das Photovoltaik-Forschungslabor hat sich auf Tests und Qualifizierungen, Anlagenmonitoring und –analysen spezialisiert. In der Solarthermie wird insbesondere im Bereich Solare Kühlung geforscht und entwickelt. Außerdem betreibt das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE) in Gelsenkirchen ein Labor- und Servicecenter.

Produziert wird an zwei Stätten. Für Solarmodule ist Scheuten Solar Technology zuständig, Solarstromzellen produziert Solarworld, dessen Gelsenkirchener Niederlassung den Namen Solarworld Industries Schalke GmbH trägt. Bis zum 30. Juni dieses Jahres gehörte die Zellenfertigung noch zu Shell Solar. Mit seinem geschwungenen Dach aus semi-transparenten Solarmodulen sorgte der Fertigungsstandort bei seiner Eröffnung im Jahr 2000 weltweit für Aufmerksamkeit. Solarworld baut derzeit eine dritte Fertigungslinie auf, Scheuten Solar hat gerade eine neue Werkshalle errichtet. Für die Expansion konnte die Stadt den Unternehmen problemlos neue Flächen zur Verfügung stellen. Nach der Stilllegung der Zechen gibt es genügend brachliegendes Gelände, das auf Nutzung wartet. Für Unternehmen, die sich in dem Ballungsgebiet und Energiezentrum Ruhrgebiet ansiedeln wollen, sei dies ein Pluspunkt, so Osadnik. Große Hoffnung setzt man derzeit auf Scheuten Solar. Die Niederländer prüfen den Aufbau einer Dünnschichtzellenproduktion.

Weiter entlang der Wertschöpfungskette geht es mit Anwendungsbeispielen, die mit Vorliebe optisch auffällig an stark frequentierten Orten installiert werden. Ein Beispiel ist die Photovoltaikanlage mit 87 kWp Leistung an der Fußgängerbrücke zur Veltins-Arena, dem Heimstadion des FC Schalke. Zu der Anlage gehört ein Sonnensegel mit einer Fläche von 315 m2, vermutlich das größte der Welt. Seit 2001 wird den Stadionbesuchern auf diese Weise demonstriert, wie umweltfreundlich Strom produziert werden kann.


Erste Solarsiedlung im Ruhrgebiet

Noch weitreichender sind zwei Bauvorhaben, die in das Projekt »50 Solarsiedlungen für NRW« fallen. Initiiert wurde dieses 1997 von der Landesinitiative für Zukunftsenergien NRW. Bis zum Jahr 2000 wurden im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck / Schalke-Nord insgesamt 72 Einfamilienhäuser mit zwei unterschiedlichen Energiekonzepten errichtet. Bei der ersten Variante wurden 36 Häuser mit jeweils 5m2 dachintegrierten Solarkollektoren und 1,5 kWp Solarstromleistung ausgestattet. Diese Häuser werden einzeln mit Energie versorgt. Bei der zweiten Variante dienen jeweils 5m2 Sonnenkollektoren als Verschattungselemente über den Südfenstern. Die Solarstrommodule wurden teils über den Fenstern montiert, teils auf dem Gründach aufgeständert.

Die Warmwasserversorgung erfolgt zu über 60 %, die Stromerzeugung zu über 33 bzw. zu über 50 % solar. Der Wärmebedarf der Häuser liegt bei durchschnittlich 37 kWh/m²a. Im Winter wird zusätzlich mit Gas geheizt. Die eingebauten Brennwert-Kessel sorgen für einen hohen Wirkungsgrad.

Eine zweite Solarsiedlung im Stadtteil Erle zeigt, dass sich die Stadt Gelsenkirchen mit den erneuerbaren Energien auch die Energieeffizienz auf die Fahnen geschrieben hat. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG NRW) hat hier 2002/2003 erstmals in NRW eine Altbausiedlung auf Niedrigenergiestandard saniert: ein 50 Jahre altes Bergarbeiterviertel. Insgesamt 600 Quadratmeter Solarkollektoren decken rund 60 Prozent des Warmwasserbedarfs für die 220 Wohnungen.

»Eine Solarstadt muss im gesamten energetischen Bereich ihre Hausaufgaben machen«, ist Gerhard Osadnik überzeugt. In Gelsenkirchen gehört dazu auch ein kommunales Energiesparprogramm. Weiterhin konnte der Kontakt zu den städtischen Wohnungsunternehmen ausgebaut werden. Mit einem Energie-Scan stellten die Fachleute eine konventionelle und eine energetisch optimierte Altbausanierung eindrucksvoll gegenüber und konnten so die ersten Unternehmen für gemeinsame Seminare gewinnen.


Von der Kohle zur Sonne

Auch die Umweltbildung wird in Gelsenkirchen groß geschrieben. »Von der Kohle zur Sonne« ist nur ein Projekt aus dem breiten Angebot für Schulen und Kindergärten. In einem Besucherstollen lernen Kinder und Jugendliche die Geschichte des Steinkohlebergbaus kennen, auf der zweiten Station im Wissenschaftspark die erneuerbaren Energien und andere Technologien wie Brennstoffzellen. Die Liste der Aktivitäten ließe sich durch Solarkunstprojekte, Solidarläufe, mit denen Photovoltaikanlagen in Südamerika finanziert werden, jährlich neuen Solarstrom- und Solarwärmeanlagen auf städtischen Kindergärten und Schulen sowie vielen weiteren Projekten beliebig fortsetzen.

Aber all dies ist den Aktiven noch nicht genug. 2004 riefen die Stadt Gelsenkirchen und der Wissenschaftspark den Förderverein Solarstadt Gelsenkirchen e.V. ins Leben. Weitere Gründungsmitglieder dieser Private-Public-Partnership sind die ortsansässigen Solarunternehmen, der regionale Energieversorger, die Fachhochschule, die Wohnungswirtschaft und die Handwerkskammer Münster. Der Verein versteht sich als Informations- und Kooperationsplattform für alle Solaraktiven und will unter anderem die internationale Zusammenarbeit im Klimaschutz und bei Energiethemen stärken. Ein Projekt namens »Solar Cities« verbindet beispielsweise Solarstädte auf der ganzen Welt.

Vorerst aber richtet sich der Blick noch stärker auf die eigenen Gefilde. Nach drei Jahren Entwicklungszeit wurde der Stadt vor kurzem ein Energiekonzept vorgelegt, das die Ziele noch verbindlicher und konkreter machen soll. »Es ist ein langes Bohren an Brettern«, zieht Osadnik nach 15 Jahren Solar-Engagement Resümee, »aber es trägt.«


Dieser Text wurde von Ina Röpcke exklusiv für Sonne Wind & Wärme geschrieben und erschien in der Ausgabe 10/2006.

 

 

 

 

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