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Spaniens Weg an die Spitze

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Geschrieben von Oliver Ristau   
Donnerstag, 01 September 2005

Spanien hat sich als Windenergie-Weltmacht etabliert. Auch wenn im laufenden Jahr die Zahl der Neuinstallationen voraussichtlich fallen wird - in Spanien ist der weitere Ausbau der Windenergie in Politik und Wirtschaft beschlossene Sache.

Spaniens Windenergiemarkt entwickelt sich stürmisch. Von 2001 bis 2004 hat sich die installierte Leistung auf über 8.250 MW mehr als verdoppelt1. Nur in Deutschland drehen sich weltweit mehr Windrotoren. Im vergangenen Jahr ging in Spanien erstmals mehr Leistung ans Netz als in Deutschland (siehe Diagramm).


Marktentwicklung in Deutschland, Spanien und den USA
Quelle: BTM Consult, Grafik: SW&W

Die Firmen erzielen hohe Gewinne

Die treibenden Kräfte sind unterschiedlich: Während in Deutschland ein Großteil des Wachstums von Privatanlegern und Windenergiefonds finanziert wird, setzt in Spanien die Energiewirtschaft mit Nachdruck auf den Wind. An erster Stelle steht Spaniens zweitgrößter Stromerzeuger, die baskische Iberdrola. Allein 2004 baute der Konzern seine Windenergiekraftkapazitäten um 949 MW auf 2.891 MW aus und ist damit nach eigenen Angaben weltgrößter Erzeuger von Windstrom. Bis 2008 will Iberdrola die Kapazitäten im Heimatland auf 4.500 MW ausbauen.

Dass sich das Geschäft mit dem Wind für die Energiewirtschaft lohnt, zeigt ein Blick in die Bilanz des Iberdrola-Konzerns: Die EBITDA2 aus dem Windenergiegeschäft (inklusive weniger kleiner Wasserkraftwerke unter 10 MW) stiegen im Geschäftsjahr 2004 im Vergleich zum Vorjahr um rund 40 % auf 258 Mio. €. Knapp 10 % des Gesamtgewinns des zweitgrößten spanischen Stromerzeugers stammen damit aus der Windenergie - so viel wie bei keinem anderen großen europäischen Energieversorger. Und auch Spaniens größter Windenergieanlagenhersteller Gamesa Eólica verdient am Geschäft mit der Windenergie glänzend. Die EBIT3 des Unternehmens kletterten 2004 um 23 % auf 128 Mio. €.


Marktentwicklung in Spanien
Quelle: BTM Consult, Grafik: SW&W

1 Die Daten der beiden Branchenverbände weichen von einander ab. Während die APPA von 8.263 MW Ende 2004 spricht, nennt die AEE 8.529 MW.
2 EBITDA: Earnings before interest, taxes, depreciation and amortization
3 EBIT: Earnings before interest and taxes


Gut geregelte Einspeisebedingungen

Grundlage für das lukrative Windenergiegeschäft in Spanien ist der „Real Decreto“ (Königlicher Erlass) 436/2004, der die Einspeisebedingungen regelt und den Betreibern von Windenergiekraftanlagen zwei Wahlmöglichkeiten eröffnet:

● Entscheidet er sich für das Fixpreis-System, dann speist der Betreiber den Strom in die Leitungen des lokalen Netzbetreibers ein und erhält dafür eine Vergütung, die sich nach dem durchschnittlichen Referenzpreis (TMR) für spanischen Strom richtet. Der TMR wird jährlich neu berechnet und stieg 2005 im Vergleich zu 2004 um 1,7 Prozent auf 7,33 Cent je kWh. Alle Windparks, die kleiner als 5 MW sind, erhalten 90 % des TMR für die ersten 15 Jahre, danach 80 %. Größere Windparks erhalten 90 % nur für die ersten fünf Jahre. Für weitere zehn Jahre gibt es 85 %, danach noch 80 %.

● Bei der zweiten Variante verkaufen die Betreiber den aus Windenergie erzeugten Strom am spanischen Spotmarkt für Strom (OMEL). Dann erhalten sie den üblichen Großhandelspreis, der für 2005 bei 3,8 Cent je kWh liegt, zuzüglich einer Reihe von Zulagen. Das sind ein „Prima“ (Zuschlag) in Höhe von 2,4 Cent für 2005, ein „Incentivo“ (Anreiz) von 0,7 Cent je kWh sowie eine „Garantía de potencia“ (Kapazitätsgarantie) 0,5 Cent je kWh.

Unabhängig davon, für welche der beiden Optionen der Betreiber votiert, gilt für Windparks, die größer als 10 MW sind: Analog zu konventionellen Stromerzeugern (z.B. Kohle- und Atomkraftwerken) muss eine Vorhersage für die Strommenge des nächsten Tages abgegeben werden. Weicht diese um mehr als 20 % vom tatsächlichen Volumen ab, wird eine Entschädigung in Höhe von 10 % des Großhandelspreises fällig.

"Die Option, den Strom am Markt zu verkaufen, wird mittlerweile von einem Großteil der Windparkbetreiber gewählt", sagt Alberto Ceña, technischer Direktor der Branchenvereinigung Asociación Empresarial Eólica (AEE). Vorteile haben vor allem die großen Stromerzeuger wie z.B. Iberdrola und Endesa, die den erzeugten Windstrom verschiedener eigener Parks miteinander verrechnen und damit Schwankungen in der tatsächlichen Produktion ausgleichen können. Für Betreiber einzelner Parks ist die Einhaltung der Vorhersage schwieriger. Deshalb hat die Asociación de Productores de Energías Renovables (APPA), der Verband der Erzeuger erneuerbarer Energie (er vertritt vor allem kleinere Windpark-Betreiber), mit dem Unternehmen Gesternova eine Plattform geschaffen, um den Windstrom gemeinsam am Spotmarkt anzubieten und Abweichungen untereinander zu saldieren. "Zum Jahreswechsel soll Gesternova so weit sein", sagt Manuel Bustos, verantwortlich für internationale Angelegenheiten bei der APPA. Ein Jahr drauf werde die Gesellschaft ihre Energie landesweit auch als Ökostrom an Endkunden verkaufen.

Die Variante, den Strom am Großhandelsmarkt zu veräußern, ist nach Berechnung des AEE die attraktivere. Wegen der hohen Zuschläge und den geringeren Entschädigungszahlungen sei 2004 mit dieser Option ein Durchschnittserlös von 6,93 Cent je kWh erzielt worden. Mit der direkten Einspeisung seien dagegen nur 6,38 Cent je kWh erlöst worden.


Ehrgeizige Ziele, schwache Netze

Der königliche Erlass sieht eine Überprüfung des Vergütungssystems bei einer installierten Gesamtleistung von 13.000 MW vor. Das war auch das Ziel, das die einstige konservative Regierung unter Ministerpräsident José Maria Aznar für die Förderung der Windenergie bis 2011 ausgegeben hatte. Es waren die Konservativen, die das geltende Dekret als einen ihrer letzten Amtshandlungen auf den Weg brachten. Die seit März 2004 amtierende Regierung unter dem Sozialisten José Luis Zapatero wird das Ausbauziel der Windenergiekraft nach Ansicht von Experten weiter anheben: auf 20.000 MW bis 2011. Nach Aussage der AEE seien bis dahin sogar 23.000 MW zu erreichen - eine Vision, die APPA jedoch nicht vor Mitte des nächsten Jahrzehnts als realisierbar ansieht. "Der Ausbau der spanischen Windenergiekraftkapazitäten auf bis zu 23.000 MW braucht ein stärkeres Netz", gibt Manuel Bustos zu bedenken, „damit die bereits bestehenden Parks wegen fehlender Netzkapazitäten nicht abgeschaltet werden müssen". Denn im spanischen Stromnetz treten in Spitzenzeiten immer noch Stromausfälle auf.

Die zögerliche Haltung mancher Regionalbehörden, bedingt durch die Rücksicht auf schwache Netze, ist auch der Grund dafür, warum nach Ansicht von AEE und APPA der Zubau im laufenden Jahr deutlich hinter dem Ergebnis des Vorjahres zurückbleiben wird. AEE spricht von einer Gesamtleistung von 9.500 MW bis Ende 2005. Das bedeutet einen Rückgang der Neuinstallationen um über 40 %. "Das ist keine Krise, sondern eine normale Fluktuation", sagt APPA-Manager Bustos. In den Folgejahren erwarten beide Verbände wieder einen Zuwachs um 1.500 bis 2.000 MW jährlich. Denn Politik und Wirtschaft sind parteienübergreifend einer Meinung: Der Ausbau der Windenergienutzung muss weiter gehen.

Die Windenergie ist Spaniens Aushängeschild in Bezug auf die erneuerbaren Energien und außerdem das einzige Mittel, um das gesteckte Ziel (der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch soll bis 2010 auf 12 % ansteigen) überhaupt noch zu erreichen. 2004 war dieser Anteil trotz des Rekordwachstums der Windenergie von 7,0 auf 6,5 % gefallen. "Die kontinuierliche Zunahme des Stromverbrauchs in Spanien hat den Zuwachs bei den erneuerbaren Energien aufgezehrt", erläutert Javier Garcia Breva, Chef des zentralen spanischen Energieinstituts IDAE (Instituto para la Diversificación y Ahorro de la Energía), das eng in die Energiepolitik der Regierung eingebunden ist. Die spanische Regierung will noch in diesem Jahr einen neuen Plan zum Ausbau der erneuerbaren Energien und ein „Weißbuch Energie“ vorlegen.


Spanischer Boom für spanische Firmen

Vom Aufschwung der Windenergie profitieren vor allem die heimischen Windenergieanlagenhersteller - allen voran Gamesa. Nach der Übernahme des Wettbewerbers Made im Jahr 2003 kommt das Unternehmen auf einen Marktanteil von rund 60 %. Ohne den nationalen Markt wäre der Windenergiekonzern kaum zur Nummer Zwei weltweit aufgestiegen. Die starke nationale Präsenz der heimischen Anbieter hat ihren Grund zum einen in der Forderung vieler lokaler Genehmigungsbehörden nach einem "regionalen Beitrag". Daneben sind gerade im Falle Gamesas die guten Beziehungen etwa zum Stromversorger Iberdrola und zur Finanzwirtschaft zu betonen. Letztere ist neben der Stromindustrie die wichtigste Stütze der Windenergieindustrie. Eine Reihe von Banken halten Beteiligungen an Firmen und Windparks. So ist die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), Spaniens zweitgrößtes Kreditinstitut, zusammen mit Iberdrola größter Aktionär der Gamesa und größter Anteilseigner der Iberdrola. Zweitwichtigster Turbinenhersteller ist die in Barcelona ansässige Ecotècnia, die zur international operierenden Mondragon-Gruppe aus dem baskischen Guipuzcoa zählt.


Montage der Gondel, Foto: Gamesa


Dieser Text wurde von Oliver Ristau exklusiv für Sonne Wind & Wärme geschrieben und erschien in der Ausgabe 09/2005.

Informationen: www.appa.es, www.aeeolica.org

 
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