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Die Chinesen denken immer in XXL

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Geschrieben von Jörn Iken   
Donnerstag, 05 Mai 2005

Wie viele andere Firmen auch versucht die Repower Systems AG vom Wirtschaftswachstum in China zu profitieren. SW&W sprach mit Fritz Vahrenholt über das Engagement im Reich der Mitte, über Marktrisiken und Zukunftsaussichten.

Am 1. November 2004 unterzeichnete Fritz Vahrenholt, Vorstandsvorsitzender der Repower Systems AG, einen Lizenzvertrag mit dem chinesischen Staatsunternehmen Dongfang Steam Turbine Works – einem der größten chinesischen Hersteller von Kraftwerkstechnik. Dongfang wird die Anlagen MD 70 und MD 77 in Lizenz fertigen und in China vertreiben. Für Repower ist dies der zweite Anlauf in dem ostasiatischen Land. Bereits Ende 2003 plante das Unternehmen in der Region Tianjin ein Jointventure mit einer chinesischen Holding, das jedoch nicht zustande kam.

SW&W: Herr Vahrenholt, was finden Sie an China attraktiv?

Vahrenholt: Wir sind aus zwei Gründen in China. Erstens ist es ein riesiger wachsender Markt für Energie – auch für erneuerbare Energien. Zweitens glauben wir, dass wir mit unserem Lizenznehmer auch die Zulieferkette, also die Komponentenlieferanten, mit nach China holen können. Flender ist in Tianjin, LM auch. Den einen oder anderen chinesischen Zulieferer werden wir noch qualifizieren. Das bedeutet, dass auch die Turbinen in China sehr viel preiswerter produziert werden können. Als Unternehmen in einem sehr harten Wettbewerb kann man es sich nicht leisten, an China vorbeizugehen.


»Windenergie wollen die Chinesen haben, weil sie schnell mehr Strom brauchen, und nicht, um die CO2-Emissionen zu senken.«

SW&W: Warum Lizenzvergabe? Warum produzieren Sie nicht selbst in China und streichen die volle Marge ein?

Vahrenholt: Wir haben zunächst überlegt, ob wir eine eigene Produktion oder ein Jointventure aufbauen sollen. Dabei ist das Risiko deutlich größer für uns als bei einer Lizenzvergabe. Man muss mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag investieren, um den Markt mit einer Eigenproduktion zu erschließen. Wir wollten aber mit möglichst geringen Vorlaufkosten den Markt öffnen. Geringer als mit einer Lizenzvergabe geht’s nicht. Das bedeutet für uns praktisch nur die Übersetzung unserer technischen Unterlagen ins Chinesische und die Qualifizierung unseres Partners durch Repower-Ingenieure.

SW&W: Welche Kosten entstehen Ihnen durch die Lizenzvergabe?

Vahrenholt: Wir schicken einige Ingenieure für einige Zeit zu Dongfang. Die bleiben dort bis zur Produktion der Pilotmaschine. Die erste Anlage wird komplett aus angelieferten Teilen zusammengebaut. Anschließend wird immer mehr in China produziert. Der Container mit den Zulieferteilen wird sozusagen immer kleiner, bis am Ende vielleicht nur noch die Steuerung aus Deutschland kommt.

SW&W: Ist das Risiko, Knowhow zu verlieren, bei einer Lizenzvergabe nicht zu hoch?

Vahrenholt: Nein, das ist bei einem Jointventure genauso groß. In beiden Fällen hat der Partner vollen Einblick in unser Knowhow. Wir sind da gelassen, denn wir haben uns natürlich vorher über unseren Partner informiert. Dongfang ist mehrfacher Lizenznehmer von Kraftwerkstechnik und hat noch nie ein Knowhow-Problem verursacht.

SW&W: Bisher haben Sie mit den chinesischen Firmen Goldwind und Windey zusammengearbeitet, die die kleinen Repower-Stallanlagen 48/600 und 48/750 produzierten. Warum machen Sie mit jenen Firmen nicht weiter?

Vahrenholt: Wir haben Goldwind die MD 70 und die MD 77 angeboten. Doch Goldwind war nicht bereit, die Lizenzgebühr zu bezahlen, sondern wird jetzt eine eigene Anlage entwickeln. Aber wir sind mit Dongfang auch gut beraten. Dieses Unternehmen ist - gemessen an der Bilanz - hundertmal größer als Goldwind.

SW&W: Bereits Ende 2003 unterzeichneten Sie Vorverträge für ein Jointventure und ein 30-MW-Windparkprojekt in Tianjin. Warum ist das Projekt gescheitert?

Vahrenholt: Erstens hat sich Dongfang als besserer Partner erwiesen und zweitens hatten wir uns überlegt, dass wir den ersten Schritt mit China mit einer Lizenzvergabe machen wollten und nicht mit einem Jointventure, in dem wir nicht die volle Kontrolle haben. Die Alternative wäre eine hundertprozentige Repower-Produktion gewesen. Aber das wollten die Chinesen in Tianjin nicht. Das Windparkprojekt ist zwar noch nicht gescheitert, aber es steht auch nicht auf der Tagesordnung. Auch daran kann man erkennen, dass unsere Entscheidung für Dongfang richtig war. Dieses Unternehmen hat eine sehr gute Reputation in China, die sich für uns schon jetzt auszahlt. Wir haben gerade eine Order über zehn MD-70/77 aus China erhalten. Das ist noch 100% Repower, denn Dongfang kann frühestens im Herbst liefern.

SW&W: Welche Marktrisiken gibt es?

Vahrenholt: Die chinesische Wirtschaft wächst jährlich um 10 %. Die Chinesen denken immer in XXL. Die haben eine gigantische Energieproduktion angeschoben: 300.000 MW Kraftwerkskapazität sollen im nächsten Fünfjahresplan umgesetzt werden. Im Augenblick herrscht in China eine enorme Stromknappheit. Windenergie wollen die haben, weil sie schnell mehr Strom brauchen, und nicht, um die CO2-Emissionen zu senken. Falls das zurzeit völlig überhitzte Wachstum zusammenbricht, sitzen die Chinesen auf gewaltigen Überkapazitäten und werden ohne zu zögern von der Windenergie abrücken.

SW&W: Wäre es angesichts dieser Risiken nicht sinnvoller, sich auf andere Märkte zu konzentrieren?

Vahrenholt: Wir wissen nicht genau, wie sich der chinesische Markt entwickelt. Aber gerade deshalb setzen wir auf die Lizenzvergabe, denn wir tragen damit kein Produktionsrisiko.

SW&W: Was werden die Chinesen selber produzieren?

Vahrenholt: Das ist im Moment noch nicht klar. Auf jeden Fall machen die den gesamten Stahlbau gleich von Anfang an selbst – also Turm und Maschinenträger. Vielleicht auch schon den Transformator. Das müssen wir sehen. Wir sind dabei, die Zulieferer zu qualifizieren. Wir wollen eine chinesische Zulieferkette etablieren. Das wird die einheimische deutsche Zuliefererindustrie nicht gefährden, weil die Transportkosten hoch sind. Aber der ostasiatische Markt könnte dann schon beliefert werden. Wir wollen natürlich keine Repower-Maschine aus China, die nicht unseren Qualitätsansprüchen genügt.

SW&W: Ziehen Ihre bisherigen Zulieferer mit?

Vahrenholt: Ja. Flender und LM sind ja schon vor Ort. Getriebe und Rotor sind die beiden wichtigsten und kostenträchtigsten Teile einer Windkraftanlage.

SW&W: Stören Sie die erbärmlichen Arbeitsbedingungen in China eigentlich nicht?

Vahrenholt: Es gibt schlimme Verhältnisse beispielsweise im Bergbau. In der Elektroindustrie habe ich allerdings hochmoderne, ergonomisch einwandfreie Arbeitsplätze kennen gelernt. Was die Situation von der in Europa natürlich deutlich unterscheidet, sind die Arbeitszeit und die Löhne. 50 bis 60 Wochenarbeitsstunden sind die Regel, von den Löhnen brauchen wir nicht zu reden. Bei der Endfertigung unserer Windkraftanlagen ist der Lohnanteil allerdings sehr klein, vielleicht 2 %. Da wirken sich geringe Löhne nicht dramatisch aus und stellen keine Gefahr für deutsche Arbeitsplätze dar. Problematischer wäre es schon, wenn die gesamte Zulieferkette abwandern würde. Aber glücklicherweise ist China weit weg und die Transportkosten steigen.


»Aufgrund des geschrumpften inländischen Marktes sind wir zum Erfolg im Ausland verdammt.«

SW&W: Im Jahresabschluss 2004 wiesen Sie auf »unvorhergesehene Kosten im Zusammenhang mit der Abwicklung der ersten ausländischen Großprojekte« hin. Was waren das für Probleme?

Vahrenholt: Aufgrund des geschrumpften inländischen Marktes sind wir zum Erfolg im Ausland verdammt. Dabei macht man zwangsläufig auch Anfangsfehler. Ein Beispiel: Wir haben in Italien sehr spät erfahren, dass wir für die Fundamente nur italienischen Stahl nehmen dürfen. Wer rechnet mit so etwas innerhalb der EU? Oder an einer Mautstelle in Frankreich passt die Maschine nicht durch. Wir haben mit Konsequenzen - auch personellen - im Projektmanagement und im Vertrieb reagiert.

SW&W: Im Jahr 2004 haben Sie erstmals 30 % Ihrer Anlagen exportiert. Sind Sie jetzt da, wo Sie hinwollten?

Vahrenholt: Das wird mehr. Wir müssen und werden den Exportanteil auf mehr als 50 % erhöhen. Ich schätze, wir werden in diesem Jahr Marktführer in Frankreich, in England werden wir einen großen Einstieg finden, in Portugal und Japan sind wir bereits aktiv. Unser Geschäftskonzept ist es, auf den ausländischen Märkten mit den großen Energieversorgern zusammenzuarbeiten. Diese Schritte schaffen wir alleine. Die nächsten zwei Jahre können wir so weitermachen. Aber uns ist klar: Wenn das große Offshore-Geschäft mit der 5M kommt, brauchen wir Kooperationspartner. Das muss aber ein echter Zugewinn an Wertschöpfung oder Knowhow sein - also ein großes Bauunternehmen oder eines aus der maritimen Technik. Ein reiner Finanzinvestor würde uns nichts nützen.

Dieser Text wurde von Jörn Iken exklusiv für Sonne Wind & Wärme geschrieben und erschien in der Ausgabe 05/2005.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Repower Systems AG.



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