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Die Banken sind hellwach |
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| Geschrieben von Jörn Iken | |
| Donnerstag, 29 September 2005 | |
Noch im Herbst 2003 mussten die Veranstalter des Berliner Forums Solarpraxis feststellen: Die Banker ziehen sich zurück. Das hat sich inzwischen entscheidend geändert ...In der Schweiz – und dort muss man es wissen – heißt es: Wenn Du siehst, wie ein Banker aus dem Fenster springt, spring´ hinterher! Denn es ist mit Sicherheit Geld zu verdienen. Soll heißen: Banker haben einen Instinkt fürs Geldverdienen und man sollte darauf achten, auf was sie ihr Augenmerk richten. Insofern kann man zwei aktuelle Studien deutscher Großbanken als Beleg dafür nehmen, dass sich in der Photovoltaik (PV) zunehmend auch für die Finanzwelt Chancen eröffnen. Das wiederum ist ein Beleg dafür, dass die PV auf dem Weg zu einem eigenständigen und zukunftsträchtigen Industriezweig schon weit fortgeschritten ist. Konsequenterweise hat deshalb auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ihre Studie überschrieben mit: »Branchenanalyse Photovoltaik 2005. Das industrielle Zeitalter beginnt.« So epochal mochte die Researchabteilung der Deutschen Bank (DB Research) nun doch nicht werden – sie pflegt eine kurzfristigere Perspektive und spricht lieber von der »Boombranche Solarenergie«. Beide Studien erschienen Mitte April. Im Tin-Lizzy-Zeitalter angekommen Nach den Berechnungen der LBBW erreichte der PV-Weltmarkt im vergangenen Jahr ein Volumen von 6,3 Mrd. €. Damit habe die PV das Nischendasein endgültig verlassen, konstatieren die Analysten. Sie billigen der PV noch viel Potenzial zu: »Die PV-Unternehmen gehen in die Großserienfertigung und erschließen durch Skaleneffekte Kostensenkungspotenziale, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit des Solarstroms immer näher rückt.« Die LBBW scheut sich nicht, große historische Vorbilder zu bemühen und vergleicht das derzeitige Stadium der Photovoltaik mit der Automobilindustrie um 1910 bis 1920 – mit der Zeit, »in der das erste Ford T-Model (Tin Lizzy) vom Fließband lief«. So weit gehen die Analysten der DB Research nicht, aber auch sie sind überraschend optimistisch in Bezug auf die Zukunftsfähigkeit der Branche. Dank der Ressourceneigenschaften, Nicht-Erschöpfbarkeit und CO2-Neutralität seien alternative Energien gut geeignet, einen positiven Beitrag zu leisten. Mehr noch: Erneuerbare Energien seien gegenüber fossilen Energieträgern »längerfristig im Vorteil.« So klar und deutlich hat man das aus dem Frankfurter Bankhochhaus bisher noch nicht gehört. Beide Studien prognostizieren bis 2010 ein durchschnittliches weltweites Wachstum der Neuinstallationen von 30% (DB Research) beziehungsweise 26,1% (LBBW). Das bedeutet mindestens eine Vervierfachung des Marktes bis 2010. Für das Jahrzehnt danach möchte sich die DB Research nur auf Steigerungsraten im »niedrigen zweistelligen Bereich« festlegen. Von einer schwächeren Expansion in der Dekade 2010 bis 2020 geht auch die LBBW aus. Sie hält ein jährliches Durchschnittswachstum von 20,3% für realistisch. Beide Studien weisen im Übrigen darauf hin, dass sich die angespannte Rohstofflage wachstumshemmend auswirkt. Das Reinstsilizium ist knapp. Derzeit führe dies zu Engpässen und deutlichen Preissteigerungen von rund 25 $/kg auf über 40 $/kg, merkt die LBBW an. Beide Banken gehen aber davon aus, dass der Flaschenhals der Rohstoffversorgung spätestens bis 2008 überwunden wird. Das hinge einerseits mit dem starken Kapazitätsausbau durch die Siliziumproduzenten, andererseits aber auch mit der schwächer werdenden Nachfrage der Elektronikindustrie zusammen. DB Research rechnet damit, dass der unterstellte »Siliziumhunger« der Halbleiterindustrie hinter den Erwartungen zurück bleibt und dadurch zusätzliches Material für die PV verfügbar wird. Kräftige Entwicklung der Hauptmärkte Beide Bankhäuser sind sich einig: Auch in Zukunft wird die Musik in Deutschland, Japan und den USA gespielt. Für den Zeitraum, der sich halbwegs zuverlässig überblicken lässt, bleiben diese drei Länder die Hauptmärkte der PV – auch wenn sich deren Anteil am Weltmarkt aufgrund starker Nachfrage aus China und Indien verringern könnte. So könnte laut LBBW der Anteil Deutschlands am PV-Weltmarkt von derzeit 40% auf 22% im Jahr 2010 und auf 11% im Jahr 2020 zurückgehen. Deutschland: Die Analysten der DB Research sind noch optimistischer als die der LBBW. Mit durchschnittlich 40% in den nächsten fünf Jahren sei der Zuwachs an Neuinstallationen in Deutschland anzusetzen. Die Banker räumen aber ein, dass es aufgrund der Rohstofflage im nächsten Jahr eine kleine Delle in der Wachstumskurve geben könnte. Mit wesentlich geringeren Zuwächsen auf dem deutschen Markt rechnen hingegen die Analytsen der LBBW aus Stuttgart. 25% für 2005 (das entspricht einer Installation von 450 MWp) und 11% für 21006 (entsprechend 500 MWp) seien realistische Werte. Eine Meinung, die in der Branche wohl eher Zuspruch findet als die euphorische Wachstumsprognose der Deutschen Bank. Bis 2010 soll der deutsche Markt auf knapp 800 MWp wachsen (siehe Tabelle und Diagramm). Japan: Die Wachstumsprognosen der beiden Studien für den bisherigen Leitmarkt Japan unterscheiden sich nicht so gravierend: Mit 25% durchschnittliches Marktwachstum rechnet DB Research, mit 22,2% die LBBW. Unterschiedliche Einschätzungen bestehen hinsichtlich der Struktur des künftigen japanischen Marktes. Während die DB Research Impulse durch große Solarkraftwerke in Japan kommen sieht, glaubt die LBBW an den Erfolg des »Residential PV System Dissemination Program« (RPVDP), das Solaranlagen auf Wohnhäusern fördert. Einig sind sich beide Banken in der Einschätzung, dass die photovoltaische Solarenergie in Japan einen hohen Stellenwert genießt und dass das Ziel, bis 2010 insgesamt 4,8 GWp zu installieren, erreicht wird. USA: Die DB Research schätzt das durchschnittliche Marktwachstum auf 30%, die LBBW auf 31,1%. Weitgehende Einigkeit besteht auch in der Einschätzung, dass die USA in den nächsten Jahren zu den »heißen Märkten« gehören. Impulsgeber seien die Bundesstaaten New Jersey, Kalifornien, Colorado und Pennsylvania. Dabei scheint nach Auffassung der DB Research die Hoffnung nicht nur auf einzelnen Politikern wie Arnold Schwarzenegger in Kalifornien zu ruhen. Das Finanzinstitut wartet vielmehr mit einer interessanten Perspektive auf: »Die PV-Förderung ist mit der Klimastrategie der USA kompatibel, da diese die Technik-Schiene gegenüber internationalen Verabredungen bevorzugt.« Die DB Research rechnet daher auch auf nationaler Ebene in den USA mit neuen Gesetzesinitiativen zugunsten der Förderung der PV. Ganz anders urteilt hingegen die LBBW: »An der faktischen Absenz der Bundespolitik dürfte sich in den kommenden Jahren vermutlich nichts ändern.« Die LBBW gründet ihre Wachstumsprognosen einzig und allein auf die Anstrengungen in den Bundesstaaten – allen voran natürlich auch hier Kalifornien. Allerdings glaubt die LBBW, dass in naher Zukunft auch andere Bundesstaaten eine attraktive Förderkulisse aufbauen werden. Weitere wichtige Märkte: In der EU gehören laut LBBW Spanien und möglicherweise Italien zu den Aufsteigern. In Spanien ist bereits seit März 2004 ein Einspeisegesetz mit attraktiven Vergütungen von 0,22 bis 0,40 €/kWh in Kraft. In Italien sei eine fixe Einspeisevergütung nach deutschem Vorbild politisch auf dem Weg. Für das laufende Jahr rechnet die LBBW mit einer Entscheidung, die für ein erhebliches Marktwachstum sorgen könnte. Außerhalb der EU nennen die Analysten China, Indien, Südkorea und Thailand zu den Märkten mit den größten Zuwächsen. »Sehr ambitioniert« nennt die LBBW-Studie die Pläne der südkoreanischen Regierung, die 1,3 GWp PV-Leistung bis zum Jahre 2012 im Land installiert sehen will. Solarstrom im Wettbewerb Es ist keine Überraschung, wenn beide Studien feststellen: Photovoltaik-Strom ist nach wie vor teuer. Zu teuer. An der Frage, ab wann und vor allem ab welchem Preis der PV-Strom wettbewerbsfähig wird, scheiden sich allerdings die Geister. Die DB Research macht dabei folgende Rechnung auf: Ein typischer Haushalt bezahlt in Deutschland etwa 17 Cent/kWh. Davon entfallen etwa 40% auf staatliche Abgaben und ein ebenso hoher Betrag auf die Netzkosten. Die eigentlichen Stromerzeugungskosten beziffern die Analysten auf 3,5 Cent/kWh, davon mache der Brennstoffanteil 2 Cent/kWh aus. Nur diesen Teil substituiere die PV. Gemessen an den Einspeisevergütungen von bis zu 57,4 Cent/kWh werde »die enorme Höhe der Preisdifferenz und damit der Subventionierung transparent«, merken die DB-Analysten an. Immerhin weisen sie darauf hin, dass die heutigen Strompreise die externen Kosten beispielsweise des Umweltschutzes nicht berücksichtigten. Doch wer so rechnet, muss zu dem Schluss kommen, dass mit der PV diejenige »Elektrizitätserzeugungsmethode am stärksten subventioniert wird, die mit Abstand am weitesten von der Wettbewerbsfähigkeit entfernt ist.« Differenzierter urteilt die LBBW. Sie weist darauf hin, dass die PV keineswegs mit Stromgestehungskosten aus dem Grundlastbereich konkurriere, sondern mit Spitzenlaststrom etwa zur Mittagszeit. Die Erzeugungskosten dieses Spitzenlaststroms liegen aber für Gasturbinen-, Speicherwasser- und Pumpspeicherkraftwerke bei etwa 20 Cent/kWh. Das seien laut LBBW die wahren PV-Konkurrenten. Durch Lernkurveneffekte, Economies of Scale, Standardisierung (Fertigung und Produkte) und Optimierung des Silizium-Einsatzes (dünnere Solarzellen) seien jedoch auch in den kommenden Jahren in der PV Kostensenkungen zu erwarten. Infolgedessen würden die Erzeugungskosten stark sinken. Das Ergebnis nach Ansicht der LBBW-Analytsen: »Bei einer Fortsetzung der bisher beobachteten Trends ist die Photovoltaik in 8 bis 15 Jahren eine wettbewerbsfähige Alternative, einerseits für den Konsumenten als Ersatz für Netzstrom und andererseits für die Energieversorger als Spitzenlaststrom.« Fazit: Daumen nach oben Hellseher gibt es nur im Märchen. Somit haftet allen Prognosen etwas Ungewisses an. In der Photovoltaik sowieso: Zu sehr ist die Branche von labilen Rahmenbedingungen abhängig. Dazu gehören das für wirkungsvolle Förderinstrumente entscheidende politische Umfeld, aber auch die politisch hoch aufgeladenen Rohstoffpreise für Erdöl und Erdgas. Insofern sollten die relativ geringen Differenzen, die beim Vergleich dieser – und auch anderer – Studien zu Tage treten, nicht überbewertet werden. Festzuhalten bleiben vielmehr die übereinstimmenden Einschätzungen:
Um zum Schluss noch einmal Wasser in den Wein zu schütten: Beide Studien reklamieren aufgrund der völlig überhitzten PV-Konjunktur zunehmende Mängel der Produktqualität. Offenbar werde zurzeit alles verkauft, was wie ein Modul aussieht, ohne genügend auf die eingeführten technischen Standards zu achten. Die Branche erweist sich damit nach Ansicht beider Studien einen Bärendienst. Die LBBW empfiehlt: »Die Unternehmen müssen sich verstärkt um das Qualitätsthema bemühen.« Jörn Iken Jörn Iken schrieb diesen Artikel exklusiv für die Juni-Ausgabe der Sonne Wind & Wärme. Weitere Infos: www.sonnewindwaerme.de
Foto: Mitsubishi - Der Zukunft zugewandt: Japan pflegt dieses Image nicht nur mit schnellen Zügen, sondern auch mit großflächigen Solarstromanlagen – zum Beispiel auf den Dächern der Bahnstation East Tabasaki. |
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